Kugelschreiber auf weißem Blatt Papier

Neujahr
Die Angst vor dem weißen Blatt

Ein unbeschriebenes Blatt Papier bietet viel Platz, um kreative Ideen aufzuschreiben. Es kann aber auch unter Druck setzen, wenn es irgendwie gefüllt werden muss. Das wissen alle, die schon einmal einen Artikel, eine Rede, ein Gedicht oder eine Predigt geschrieben haben. Der erste Satz ist meistens der schwerste. Danach läuft es oft flüssiger.

Der Beginn eines neuen Jahres verunsichert mich auch immer ein bisschen. Noch nichts ist erledigt, nichts ist abgehakt, nichts ist erreicht. Klar, es bieten sich ganz neue Chancen im neuen Jahr, aber da ist auch ein riesiger Berg an Dingen, die noch geplant und vorbereitet werden müssen. Und oft stelle ich mir die bange Frage: wird es gut genug sein? Im zurückliegenden Jahr habe ich gelernt, dass viele Menschen immer wieder die Frage quält: mache ich das gut genug? Und das, obwohl sie erfolgreich sind und gute Rückmeldungen erhalten. Gefühlt geht es immer wieder bei null los. Gerade zum Beginn eines neuen Jahres.

Neujahr ist der achte Tag nach Weihnachten: Oktavtag. Zugleich ist es das Hochfest der Gottesmutter Maria. Maria steht nach der Geburt Jesu nicht bloß am Beginn eines neuen Jahres, sondern am Beginn eines ganzen Weges. Nicht nur dass sie gerade ihr erstes Kind geboren hat, sie hat sich darauf eingelassen, Gottesmutter zu werden, Gott in diese Welt zu bringen. Und der Evangelist Matthäus beschreibt sie in dieser Situation nicht als unsicher, eher als bedächtig: »Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.« Da ist eine Person zu erleben, die zunächst alles auf sich wirken lässt, was sich gerade verändert hat. All die aufregenden Monate, die hinter ihr liegen – und die aufregenden Jahre, die vor ihr liegen.

In dieser Situation ist Maria aufgehoben in ihrer jüdischen Tradition, in den vertrauten Ritualen. Am achten Tag nach der Geburt wird ihr Sohn beschnitten. Heute also. Deswegen hieß dieser Tag vor der Liturgiereform vor knapp 50 Jahren auch Beschneidung des Herrn. Ich finde das eigentlich eine treffende Bezeichnung, denn es macht deutlich, dass bei allem Neuen, was mit der Geburt Jesu in die Welt kommt, auch etwas bestehen bleibt. Jesus ist der Beginn einer neuen, erlösten Schöpfung. Doch dieses Neue wurzelt im Glauben zahlreicher Generationen vor ihm. Dreimal 14 Generationen zählt der Evangelist Matthäus im Stammbaum Jesu auf (vgl. Mt 1,1–17), um klarzumachen: das Neue, was da in Jesus in die Welt kommt, ist nur möglich durch den Weg, den Gott bisher mit seinem Volk gegangen ist.

Jesus ist in diesem Volk verwurzelt, er wird »geboren von einer Frau und [ist] dem Gesetz unterstellt« (Gal 4,4), wie es Paulus an die Gemeinde in Galatien schreibt. In Jesus setzt sich etwas fort. Und zugleich ist Jesus der Sohn Gottes, ist selbst Gott. Zugleich kommt also etwas radikal Neues, das die Welt verändert. Gott kommt in die Welt und wir empfangen seinen Geist, werden also selbst zu Kindern Gottes (vgl. Gal 4,4–7). Das Neue und das Alte wachsen zusammen.

Zusammengehalten wird das von Jesus – und von Maria, die sich darauf einlässt. Sie kann sich auf das verlassen, was sie in ihrem Volk an Traditionen erfahren hat, beginnt also nicht bei null. Zugleich kann sie sich auf das Neue einlassen, weil sie beherzigt, was ihr der Engel neun Monate zuvor gesagt hatte: »Der Herr ist mit dir.« (Lk 1,28)

Auch für uns beginnt das neue Jahr nicht bei null. Wir können auf das aufbauen, was in den vergangenen Jahren schon gewachsen ist. Wir können das leere Blatt zur Hand nehmen, darauf unser neues Jahr schreiben und dabei vertrauen, dass Gott unseren Stift auf dem Papier führen wird. Was wohl am Ende des Jahres darauf stehen wird?

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