Eine Darstellung der Krippe mit Kruzifix an der Wand.

Stephanstag
Krippe und Kreuz

Gestern noch ein kleines Kind, heute schon ein Erwachsener, der seine Jünger auf Ungemach vorbereitet. Gestern noch das friedliche Bild in der Krippe, heute schon die Steinigung des ersten Märtyrers Stephanus. Zwischen dem ersten und dem zweiten Weihnachtstag könnte der Kontrast kaum größer sein. Nicht nur, dass wir einen Zeitsprung von 35, vielleicht 40 Jahren machen, auch die Emotionen sind ganz andere. Das drückt sich auch in den liturgischen Farben aus: gestern noch frohes weiß, heute das blutrote Gewand.

Und doch ist es gerade der Kontrast, der unseren christlichen Glauben auszeichnet. Freud und Leid liegen eng beieinander – da drückt der Glaube zutiefst menschliche Erfahrungen aus. Auch in dem, was wir feiern, vermischt sich beides.

Denn Weihnachten, die Geburt Jesu, ist auch nicht einfach nur die heile Welt, die uns Texte und Lieder aus dem 19. Jahrhundert vermitteln wollen. Eher nicht der »holde Knabe im lockigen Haar«. Eher eine bedrohliche Lage, um in diese Welt geboren zu werden. Und auch das: »dich will ich lieben sehr in Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr«, wie es in der dritten Strophe von »Zu Betlehem geboren« heißt.

Ein Bild des niederländischen Malers Rogier van der Weyden zeigt über der Krippe schon das Kreuz Jesu. Der Tod ist da sozusagen schon vorgezeichnet. Wenn wir das Weihnachtslied Adeste fideles singen, heißt es darin: venite adoremus (»Kommt, lasset uns anbeten«). Derselbe Satz wird in der Karfreitagsliturgie gesungen, wenn das Kreuz verehrt wird. Hier wird der Sohn Gottes in der Grippe angebetet, dort das Kreuz, an dem er stirbt. Weihnachten und Karfreitag, Leben und Tod, Freude und Leid begegnen sich also auch schon an Weihnachten.

Also keine Idylle? Was bleibt dann von der Freude von Weihnachten? Vielleicht ein realistischer Blick auf das, was wir da eigentlich feiern. Die Geburt Jesu ist der Beginn (vielleicht eher ein erster Höhepunkt) von dem, was wir zurecht als »Heilsgeschichte« bezeichnen. Das ist aber nicht der Anfang einer heilen Welt, sondern die Aufforderung an uns Getaufte, diese gute Nachricht in die Welt zu bringen, dass Gott die Welt gerettet hat.

Die Geburt Jesu ist ein radikaler Umbruch: Gott kommt uns hautnah. Das muss irritieren, sonst ist die Botschaft nicht richtig verstanden worden. Und was irritiert, wird häufig abgelehnt, weil es unbequem ist. Jesus ruft seine Jünger:innen deswegen zu Vorsicht auf: »Nehmt euch vor den Menschen in Acht! Sie werden euch den Gerichten ausliefern.« Das ist die reale Erfahrung, die der Evangelist Matthäus dem erwachsenen Jesus hier in den Mund legt. Und trotzdem mutet uns Jesus zu, weiterzumachen: »Macht euch keine Sorgen«. Denn: »Wer standhaft bleibt, wird gerettet.« Da ist sie wieder: die Aussicht auf Rettung. Jesus warnt und bestärkt zugleich. Weil die Aussicht so hoffnungsvoll ist.

Als Getaufte sollen wir uns nicht in unsere eigene Bubble zurückziehen, wo alle so denken wie wir. Wir sollen uns nicht abgrenzen, sondern unters Volk mischen, nicht verbissen, sondern fröhlich, weil die Botschaft froh ist. Einsatz und Haltung zeigen, mit klaren Worten, ohne zu verletzen.

Stephanus hat durch seine Worte den Glauben an Jesus Christus bezeugt, weil er es ihm wert war. Er hat alles dafür riskiert – und ist belohnt worden mit dem Blick auf den »Menschensohn zur Rechten Gottes«. Wir sollten uns auch fragen: »Wo lohnt es sich für mich, etwas zu riskieren.«

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