Heiliger Abend
Mit Gott unter einem Dach
Das Wort heilig kommt heute ganz häufig vor: Der Heilige Abend; Stille Nacht, heiligen Nacht heißt es in den Liedern oder hochheilige Nacht, ja sogar heiligste Nacht.
Vieles in unserem Alltagsleben bezeichnen wir auch als heilig: Gesundheit; Zeit für uns, unsere Familie, unseren Freundeskreis; manchen ist das Auto oder ein anderer Gegenstand heilig; mir ist mein Volleyball-Team heilig, wo ich immer wieder abschalten und mich auspowern kann. Wenn uns etwas heilig ist, investieren wir viel Zeit und Energie da hinein. Da muss alles passen.
An Weihnachten besteht die Gefahr, dass wir den Heiligen Abend in derselben Weise verstehen. Alles muss möglichst perfekt sein, nichts darf die Atmosphäre stören. Eine heile Welt eben. Gerade weil diese Welt zurzeit alles andere als heil ist. Sie wirkt im Gegenteil ziemlich verletzt und verwundet: durch Kriege, zahllose Krisen und durch Umweltzerstörung.
Doch das Heilige, das mit Weihnachten zu tun hat, ist ganz anders. Es schafft nicht einfach eine heile Welt. Dieses Heilige hängt mit dem zusammen, was wir heute feiern: die Geburt Jesu, der mit dem etwas altmodischen Wort als Heiland bezeichnet wird. Gebräuchlicher ist eher das Wort Retter, das auch den Engeln im Evangelium in den Mund gelegt wird: »Heute ist euch […] der Retter geboren.« (Lk 2,11) Damit sagen sie nichts anderes als: Jesus ist derjenige, der Heilung bringt, der die Welt heilt.
Gott selbst heiligt diese Welt. Denn mit Jesus wird nicht bloß ein Mensch geboren, sondern es geschieht das unvorstellbare: Gott wird in diese Welt geboren.
Gott bleibt kein fremdes Wesen, das weit entfernt existiert und sich nicht für uns interessiert. Gott ist nicht bloß der Schöpfer, der nach getaner Arbeit seiner Schöpfung gegenübersitzt und sie aus der Ferne beobachtet. Sondern: Gott verbindet sich mit seiner Schöpfung. Gott zeigt sich solidarisch mit ihr, Gott sagt »Ja« zu jeder Einzelnen. Diese beiden scheinbar so verschiedenen Welten – Gott in der Höhe und die Menschen hier unten – werden durch Jesus miteinander vereint. Das wird in dem einen Satz der Engel deutlich: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erde den Menschen« (Lk 2,14). Gott wohnt in seiner Schöpfung.
Und das hat Folgen für unser Leben. Wenn wir mit Gott unter einem Dach leben, haben wir auch eine Verantwortung für dieses gemeinsame Haus namens Welt, von dem der verstorbene Papst Franziskus gerne gesprochen hat.1
Unsere Verantwortung besteht zwar nicht darin, die Welt zu retten – das dürfen wir getrost Gott überlassen –, aber wir dürfen uns schon fragen, wo wir die Welt eher als unheilig oder unwichtig behandeln. Viel ist schon dann erreicht, wenn wir wahrnehmen, wie schön und wie liebenswert diese Welt ist.
Denn dann handeln wir aus eigenem Interesse, nicht bloß aus schlechtem Gewissen. Dann spüren wir nicht zuerst, dass wir auf etwas verzichten, sondern dass sich diese Anstrengung auch für uns lohnt. Ich persönlich genieße es mittlerweile beispielsweise, dass ich so viele Wege mit dem Fahrrad zurücklegen kann und nicht ständig auf das Auto angewiesen bin.
Und viele Menschen denken zum Glück ganz ähnlich. Mut macht mir dabei, dass sich zwei Drittel der Deutschen kürzlich in einer Umfrage bereiterklärt haben, mehr für das Klima – und damit für unsere Lebensqualität – zu tun. Da können wir richtig etwas bewegen. Und wir müssen es auch. Das Hilfswerk Adveniat lenkt unseren Blick in diesem Jahr auf das Amazonasgebiet, wo etliche Menschen darunter leiden, dass Wälder gerodet werden und das Trinkwasser durch austretendes Erdöl verseucht wird.
Als Christ spüre ich da vielleicht noch einen Tick mehr meine Verantwortung, weil ich die Welt nicht nur als ein Ergebnis von Zufällen begreife, sondern weil ich glaube, dass Gott sie geschaffen hat und Gott in Jesus sogar in diese Schöpfung hineingekommen ist. Wenn Gott diese Welt so sehr liebt und sie mit der Geburt Jesu heiligt, dann sollten wir sie genauso heilig halten. Und das tun wir vor allem in der Art, wie wir mit ihr umgehen.
- Vgl. Franziskus, Enzyklika Laudato Si‘, Vatikanstadt 2015, Nr. 13 u.ö.: URL: https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (Zugriff am 26.12.2025) ↩︎


