Fest der Heiligen Familie, Lesejahr A
Menschwerdung in der Familie
Wie hat Jesus wohl seine Kindheit verbracht? Nach der Geburt schweigt die Bibel über die ersten dreißig Jahre des Lebens Jesu – mit einer Ausnahme, wo über den zwölfjährigen Jesus im Tempel berichtet wird. Die Frage zu beantworten, ist also ziemlich spekulativ. Aber ich halte es für eine wichtige Frage, weil die Kindheit das Leben Jesu geprägt haben dürfte.
Wenn schon das Matthäus-Evangelium davon berichtet, dass Josef nicht der Vater Jesu ist, dürfte das den Menschen in Nazareth auch bekannt gewesen sein. Das, was wir im Glauben bekennen, nämlich dass der Heilige Geist Gottes über Maria kam, dürfte im Alltag der Umgebung kaum zu vermitteln gewesen sein. Wenn es sich also wirklich herumgesprochen hat, dürfte Jesus bei den Kindern in seiner Umgebung keinen leichten Stand gehabt haben. Vielleicht – auch das ist natürlich Spekulation – hat sich das Gefühl, ausgegrenzt zu werden, dazu beigetragen, dass er sich als Erwachsener gerade den Menschen zugewendet hat, die von der Gesellschaft ausgestoßen waren. Gerade weil er erfahren hat, wie sich das anfühlt.
Keine Spekulation aber ist, dass die Heilige Familie keine heile Familie gewesen ist. Das Evangelium berichtet heute, wie die Familie vor Verfolgung und Gewalt fliehen muss. Selbst wenn die Flucht nicht nach Ägypten geführt haben sollte, wird an dieser Erfahrung etwas dran sein.
Als Erwachsener hatte Jesus ein merkwürdig distanziertes Verhältnis zu seiner Familie. Denken wir nur daran, wie er in seiner Heimat abgelehnt wird (vgl. M 6,1–6a) oder wie seine Verwandten ihn mit Gewalt nach Hause zurückholen wollen, weil sie den Eindruck haben, er sei verrückt geworden (vgl. Mk 3,21). Jesus spürt, der Ort, wo er zuhause ist, wo er aufgewachsen ist, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hat, ist nicht das Ziel seiner Sendung. Sondern das ist die Familie im Reich Gottes, die er sammeln will um Gott, den er als seinen Vater bezeichnet. Darin drückt sich auch eine menschliche Sehnsucht aus nach einer idealen Gemeinschaft, auf die wir bei Gott hoffen dürfen.
Die irdische Familie um Maria und Josef ist aber gleichwohl ein wesentlicher Teil seiner Menschwerdung. Denn genau das feiern wir ja an Weihnachten und so ist wohl auch das Fest der Heiligen Familie zu verstehen. Die Menschwerdung ist nicht damit abgeschlossen, dass Jesus geboren wird als Mensch. Die Menschwerdung geht über das Biologische hinaus. Jesus als der ewige Sohn Gottes wird in den Beziehungen, die er in seiner Familie erfährt, erst voll zum Menschen.
Das geht uns doch auch so. Mit unserer Geburt sind wir noch kein vollständiger Mensch. Was wir brauchen, sind die Erfahrungen, zu einer Gemeinschaft zu gehören, in der wir Wärme und Geborgenheit spüren. Da ist die Familie für die meisten der erste und wichtigste Ort. Wo das fehlt, muss man sich umso mehr anstrengen und aufgefangen werden. Einrichtungen wie das Don-Bosco-Heim hier bei uns in der Pfarre versuchen sehr engagiert, diese Lücke zu füllen. Für mich ist es an Weihnachten immer berührend, mit den Kindern und Jugendlichen aus dem Heim einen Gottesdienst zu feiern. Es ist ein schwerer Tag für sie, weil die meisten eben nicht in ihre Familien können und feiern.
Die Familie ist ein prägender Ort für Kinder. Aber auch die Eltern entwickeln sich als Familie weiter, lernen dazu, verändern ihre Ansichten. Auch Maria und Josef dürften geprägt worden sein von den Erfahrungen, die sie mit Jesus machen. Nicht zuletzt dürfte sich ihr Glaube und ihr tiefes Vertrauen in Gott noch einmal gewandelt haben, gerade deswegen vielleicht, weil sie den Weg Jesu nicht immer verstehen konnten. Und doch ist Maria am Ende des irdischen Lebens ihres Sohnes an seiner Seite. Und sie bleibt es über die Himmelfahrt und ihren eigenen Tod hinaus. Sie ist mit Leib und Seele in die volle Gemeinschaft mit Jesus und Gott, dem Vater im Himmel, aufgenommen. Eine Hoffnung, auf die auch wir zugehen.
Die Familie, in der Jesus aufwächst, ist nicht frei von Schwächen und Herausforderungen. Sie darf nicht idealisiert werden. Aber sie ist dennoch heilig, weil Gott sie für seinen Sohn ausgewählt hat. Hier kann Jesus heranwachsen und lernen. Hier kann er mit all den schwierigen Situationen das Leben erfahren. In seiner Familie kann Jesus Mensch werden.


