Buchbesprechung
Maja Göpel: Wir können auch anders

Angesichts der Tatsache, dass Superreiche 400 den überwiegenden Teil der CO2-Emissionen produzieren, kann vorschnell der Schluss gezogen werden: „Es ist egal, was ich tue, denn es hat keinen Einfluss.“

Mit ihrem Buch Wir können auch anders tritt die Politökonomin, Transformationsforscherin und Nachhaltigkeitsexpertin Maja Göpel dieser resignativen Denkweise entgegen.1 Was auch als Drohung aufgefasst werden könnte, erweist sich als konstruktiver Weg im Umgang mit der Klimakrise. Das Buch von Maja Göpel zeigt auf, dass es neben Frustration und Ignoranz auch realistische Handlungsoptionen gibt. Auch wenn sie (wenig überraschend) keinen Königsweg präsentiert, analysiert sie fundiert Gesellschaft und Individuen und setzt dabei auf Verhaltensänderungen aus der Erkenntnis, dass es anders auch besser werden könnte.

Gegliedert ist das Buch aus dem Jahr 2022 in drei Teile: Im ersten Teil beschreibt sie den momentanen Zustand der globalen Gesellschaft. Im umfangreichsten Teil zwei fragt sie, wie Menschen zu einer Transformation bewegt werden können, die in eine menschliche Zukunft führt, und in einem knappen dritten Teil schaut sie auf die Bedeutung der einzelnen Person.

Göpel bremst Erwartungen, dass es mit einem bloßen Technologie-Wechsel getan ist:

Im Moment glauben wir vielleicht, dass wir der Rettung Rettung der Welt ein großes Stück näher kommen, wenn wir unsere Autos in Zukunft statt mit Diesel oder Benzin einfach mit Strom fahren.

Ignoriert werden dürften bei dieser Überlegung jedoch nicht die Bodenschätze und Energie-Kapazitäten, die dafür notwendig sind. Sie weist außerdem darauf hin, dass hilfreiche Lösungen aus der Vergangenheit nicht per se auf die Zukunft anwendbar sind. Zu denken ist hier etwa an die Steigerung von Effizienz und Produktivität, die manches Problem aus der Vergangenheit gelöst hat. Vielfach ist eine Änderung der Mentalität und der Definition von Erfolgsfaktoren erforderlich. Zugleich ruft sie dazu auf, sich nicht von verfehlten Zielen entmutigen zu lassen:

Auch Kipppunkte funktionieren nicht wie Schalter, mit denen sich eine bestimmte Entwicklung an- oder abschalten lässt. Weltuntergang ein oder Weltuntergang aus.

Das stimmt gerade in der aktuellen Situation hoffnungsvoll, wo das 1,5-Grad-Ziel bereits in weite Ferne gerückt zu sein scheint und es sich aufzurdängen scheint, alle Bemühungen aufzugeben. Das Gegenteil ist der Fall: jetzt geht es darum, so viel wie möglich zu erreichen. Nicht zu unterschätzen ist dabei ihrer Ansicht nach der Einfluss jeder einzelnen Person und jedes einzelnen Landes, selbst wenn es wie Deutschland nur zwei Prozent der Globalen CO2-Emissionen verantwortet. Damit widerspricht sie Bundeskanzler Merz, der am 9. Juli 2025 im Bundestag sagte: „Selbst wenn wir alle zusammen morgen in Deutschland klimaneutral wären, würde keine einzige Naturkatastrophe auf dieser Welt weniger geschehen“ und das mit dem geringen Anteil Deutschlands an den weltweiten Emissionen begründete.

Frei sind wir nur, wenn wir auch wieder mit etwas aufhören können.

Maja Göpel, Wir können auch anders

Schnell wird in dem Buch deutlich: es geht nicht allein um mehr oder weniger Umweltschutz, sondern darum, welche Grundhaltung unseren Alltag heute prägt und wie sie Einfluss genommen hat auf die Perspektiven, die wir als realistisch ansehen. Zu diesen Narrativen gehöre, dass Geld das alleinige Maß für den Wert einer Sache repräsentiert. Und solche Geschichten würden zu einer Art „Bauanleitung“ für die Gesellschaft, die aber auch umerzählt werden könnten, um neue Denkräume zu schaffen: „Denn frei sind wir nur, wenn wir auch wieder mit etwas aufhören können“ — selbst dann, wenn noch nicht hundertprozentig klar ist, was danach kommt. Gerade angesichts von Kipppunkten sei das wichtig. Sie erinnert an radikale Umbrüche in der Menschheitsgeschichte wie die Renaissance oder die Aufklärung, die heute oft als stringente Entwicklung missverstanden würden.

Neue Betrachtung von Wohlstand und Wachstum

Ein zentraler Kritikpunkt an der heutigen Wirtschaftsordnung ist für Göpel die Definition des Begriffs Wohlstand, der sich zurzeit wesentlich am Bruttoinlandsprodukt bemisst. Sie verweist auf Vorschläge der Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (OECD), die neben ökonomischem Kapital auch die Dimensionen Naturkapital (Verfügbarkeit natürlicherer Ressourcen), Humankapital (z. B. Gesundheit) und Sozialkapital (z. B. geteilte Werte) einbezieht.

In diesem Zusammenhang ist auch das Wachstum kritisch zu hinterfragen, den bereits der Club of Rome im Jahr 1972 als begrenzt bezeichnet hatte. Göpel untermauert das mit aktuellen Zahlen: zwar ist das Bruttoinlandsprodukt zwischen 1992 und 2014 weltweit um 57% gewachsen, zugleich ist aber die Verfügbarkeit der Natur pro Kopf um 40% zurückgegangen. Göpel verweist auf John Stuart Mill, der Wachstum nicht als Selbstzweck verstand, sondern der dazu dient, „dem Leben durch gesellschaftlichen Fortschritt Freiräume zu entlocken, die jenseits der materiellen Notwendigkeiten lagen“. Die Wirtschaft dürfe neben der Wertschöpfung die Schadschöpfung nicht ausblenden, die durch wirtschaftliches Engagement zutage tritt. Hier wie auch an anderer Stelle ist sie sich mit Papst Franziskus einig, der in der Enzyklika Evangelii gaudium konstatierte: „Diese Wirtschaft tötet“ (EG 53)2.

Sie bemüht dabei die Entwicklungsgeschichte des Gesellschaftsspiels Monopoly, das für eine Welt stehe, „die Gewinner strukturell bevorteilt, während sie Verlierer strukturell benachteiligt“. Wer hat, dem wird gegeben (vgl. Mt 25,29). Der Antrieb zum Wachstum liege dabei häufig sogar darin, „dass andere dieses Etwas eben nicht haben“. Überwunden werde könnte das in der realen Welt

  • durch Diversivizierung, durch die Verlierer:innen aus dem Wettbewerb aussteigen könnten
  • durch Kartellgesetze, die die Möglichkeiten der Gewinner:innen begrenzen
  • durch inklusive Bildungspolitik und Erbschaftssteuer, die Startchancen nivellieren

„Jedenfalls muss man die Regeln ändern, nach denen das System funktioniert, wenn man will, dass andere Ergebnisse möglich werden.“ Die Ausrichtung muss dabei eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen sein:

„Was müssen wir können, um in dieser neuen Epoche, dem Anthropozän, gut und vor allem gut miteinander zu leben? Wie gelingt uns, dass das Zeitalter der Menschen für die Menschen ein lebenswertes bleibt?“

Wie kommt es zu einer Veränderung?

Bei der Frage, wie die Gesellschaft konkret zu Veränderungen bewegt werden kann, macht Göpel einmal mehr deutlich, dass es keine eindimensionalen Lösungen geben kann. Unter Rückgriff auf Bill Sharpe beschreibt Goepel „drei mögliche Muster, in denen sich die Zukunft aus der Gegenwart entwickeln könnte“ und für die drei unterschiedliche Charaktere oder Rollen notwendig sind:

  • Horizont 1 nimmt den Status quo in den Blick und versucht, ihn zu erhalten und zu optimieren; die benötigte Rolle sind hier Ingenieur:innen.
  • Bei Horizont 2 wird deutlich, dass sich das Gegenwärtige verändern muss; an diesem Punkt der Disruption sind Entrepreneur:innen nötig.
  • Visionär:innen schließlich nehmen Horizont 3 in den Blick, bei dem das heute als normal geltende durch gänzlich neue Abläufe und Strukturen abgelöst wird.

Alle drei Typen müssen ineinandergreifen, „damit sich die Gegenwart in Richtung wünschbare Zukunft verändern kann“.

Für eine erfolgreiche Transformation brauche es wiederum drei Faktoren: Wissen um den Ist-Zustand; Wollen, also in der Lage sein, den Zielzustand und den Weg dorthin beschreiben zu können; Wirken mit den persönlichen Fähigkeiten, um selbst Akteur:in der Veränderung zu werden.

Als positives Beispiel nennt Göpel die französische Hauptstadt mit ihrer Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Sie „kämpft nicht gegen ein bestimmtes Verkehrsmittel. Sie will schlicht den begrenzten öffentlichen Raum der Stadt wieder für das Gemeinwohl öffnen und die soziale, ökologische und räumliche Gleichheit unter allen Bürger:innen ins Zentrum der Stadtgestaltung stellen.“ Mit dieser Strategie scheint sie die Bürger:innen von Paris überzeugt zu haben.

Ein Plädoyer für Solidarität

Entscheidend ist für Göpel eine Haltungsänderung in der Bewertung von Solidarität. Sie konstatiert: „Heute braucht es schon eine Pandemie oder einen Krieg, bis die Worte ‚Solidarität‘ und ‚Schicksalsgemeinschaft‘ sich überhaupt in die politischen Botschaften unserer Volksvertreter:innen trauen.“ Als Beispiel führt sie die globale Verteilung der Impfdosen während der Corona-Pandemie an. Daran macht sie fest, dass Solidarität im großen Rahmen negativ konnotiert ist und in einem Dominanzsystem, als das sie die Gesellschaft wahrnimmt, unerwünscht ist:

Etwas wieder loslassen oder abgeben ist dann das Gleiche wie eine Bankrotterklärung, ein Versagen oder eine Enteignung. So reden wir ja auch darüber. Werte wie Fürsorge, Mitgefühl oder Solidarität werden in Dominanzsystemen unterdrückt oder abgewertet oder auf die eigene kleine Gruppe beschränkt. Sie gehören ins Privatleben. In die Kirche. Zu den Frauen. Den naiven Utopist:innen.

Ohne das ausdrücklich aufzugreifen entstehen so abermals Parallelen zu Papst Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si‘, in der er 2015 betont hat, dass es sich bei der Klimakrise um eine einzige sozio-ökonomische Krise handelt, soziale Ungleichheit und Klimakatastrophe also nur zusammen zu verstehen und zu überwinden sind.

Ökodiktatur: die Ökologie droht unser Leben zu diktieren

Geschickt greift sie schließlich den polemischen Begriff der sogenannten Ökodiktatur auf und kehrt ihn um: Wenn wir unser Verhalten nicht grundlegend verändern, dann „wird uns die Ökologie ditkieren, was für die biologische Spezies Mensch noch möglich ist und was nicht“. Sie erinnert daran, dass der Mensch sich an klimatische Veränderungen immer wieder angepasst hat, etwa durch Völkerwanderungen, Wechsel der Ressourcen oder Entwicklung neuer Technologien. Doch: „So können wir in einer Welt mit schon heute nicht ausreichenden Schutzgebieten und bald zehn Milliarden Menschen nicht weitermachen. Daher finde ich die Frage nach der Ökodiktatur etwas schräg.“

Man kann sie so verstehen, dass es für den Erhalt der Freiheit unerlässlich ist, sich an den planetaren Grenzen zu orientieren, auch wenn das Einschränkungen im Leben bedeutet. Diese Einschränkungen sind aber geringer als diejenigen, die der Menschheit aufgezwungen würden, wenn sie die planetaren Grenzen weiterhin überschreiten. Einige konkrete Bezüge aus Studien nennt sie hierfür.

Fazit

Maja Göpel geht detailreich, sprachlich verständlich und humorvoll auf viele Aspekte der Klimakrise ein. Sie verzichtet dabei aber auf konkrete Tipps, wie wir unseren Alltag ändern müssen, damit das Schlimmste abgewendet werden kann. Das scheint klug, weil eine Patentlösung für alle Lebensweisen unrealistisch ist und in vielen Ohren absurd klingen würde. Vielmehr geht es ihr darum, den großen Zusammenhang aufzuzeigen, der durch die Wirtschaftsordnung, die Grundhaltung der Gesellschaft oder durch gewachsene Verhaltensmuster enstanden ist. Das Buch ist weniger ein Handbuch, um seinen Alltag anzupassen, als ein Diskussionsbeitrag, der im Diskurs eine neue Gesellschaftsordnung entwickeln möchte.

  1. Maja Göpel, Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen, Berlin 2022 (E-Book; daher Zitate ohne Seitenangaben). ↩︎
  2. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute, Vatikanstadt 2015 (EG). ↩︎

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