13. Sonntag im Jahreskreis A
Entscheidungen, die sich lohnen
Wer sich entscheidet, einem Hobby mit anderen Menschen nachzugehen, verzichtet zugleich auf etwas anderes. Die Zeit kann nicht anders verplant werden und man ist weniger flexibel. Denn die anderen verlassen sich darauf, dass man regelmäßig und zuverlässig dabei ist und sich einbringt. Das gilt natürlich auch für eine Chor-Gemeinschaft. Wenn der Chor in St. Marien heute sein 70-jähriges Bestehen feiert, dann ist das auch eine Leistung von Menschen, die sich über Jahre und Jahrzehnte zuverlässig dafür eingesetzt haben. Es sind oft kleine Entscheidungen, die über Fortschritte und Rückschläge bestimmen.
Doch was so pflichtbewusst und konsequent klingt, hat natürlich auch eine andere Seite. Denn wer sich engagiert, bekommt auch etwas dafür: Dankbarkeit, das Gefühl etwas Gutes zu tun oder einfach nur Freude an dem, was man tut. Und das motiviert dabei zu bleiben.
Lesungstexte:
Jer 20, 10–13
Röm 5, 12–15
Mt 10, 26–33
Jesus mutet den Jüngern im Evangelium einiges an Entscheidungs-Bereitschaft zu, er fordert sie sogar konsequent ein: »Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, ist meiner nicht wert.« (Mt 10,38) Harte Worte! Doch auf der anderen Seite stellt er auch den Lohn dafür in Aussicht: »Ihr werdet dann das wirklich Leben finden« (vgl. Mt 10,39). Und dieser Ausblick scheint nötig zu sein. An den vergangenen Sonntagen bis heute haben wir Abschnitte von einer langen Rede Jesu gehört, in denen er seinen Jünger:innen erklärt, welche Herausforderungen sie zu erwarten haben. Und was hier im Munde Jesu gesagt wird, ist sicherlich mindestens genauso an die Gemeinde gerichtet, für die der Evangelist Matthäus schreibt. Viele der Männer und Frauen, die sich zu Jesus Christus bekennen, dürften genau das erfahren haben, was hier geschildert wird: Familie und Freunde, ihr direktes Umfeld wenden sich von ihnen ab. Und sie fragen sich: Lohnt sich das?
»Lohnt sich unser Einsatz?« Das haben sich vor über 80 Jahren sicher auch vier junge Männer gefragt, drei katholische Priester und ein evangelischer Pfarrer, die sich in ihren Predigten gegen die Nationalsozialisten gestellt haben. Ihr Gedenktag war vergangene Woche am 25. Juni. Sie heißen: Karl Friedrich Stellbrink, Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek. Der letzte von ihnen hat, genau wie ich, in Sankt Georgen studiert, insofern habe ich eine persönliche Beziehung zu diesen sogenannten Lübecker Märtyrern. Sie wurden im November 1943 hingerichtet. Sie haben auf alles verzichtet, um die Liebe Gottes zu verkünden, die in Jesus Christus konkret geworden ist. Dabei haben sie darauf vertraut, dass es einen Unterschied macht, ob sie handeln oder nicht. Sie hatten die Kraft dazu, weil sie an das geglaubt haben, was Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom schreibt: »Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.« (Röm 6,8)
Glücklicherweise haben Entscheidungen selten so radikale Folgen wie bei den Lübecker Märtyrern, und dennoch sind wir immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie nah wir mit unserer Lebensführung an Jesus heranreichen. Denn nichts anderes fordert Jesus ja von uns als Getaufte: ihm nachzufolgen in der Art, wie wir unser Leben führen; konkret: wie wir mit Menschen umgehen und mit der ganzen Schöpfung, in der Art, wie wir auf die Welt schauen. Ist das, was Jesus uns durch die Bibel sagt, bloß ganz nett anzuhören oder nehmen wir das wirklich in uns auf: mit Herz und Verstand? Nehmen wir Jesus auf? Vor diese Entscheidung sind wir immer wieder gestellt. Und es macht einen Unterschied, wie wir uns entscheiden und wie wir handeln, selbst wenn es noch so wenig scheint. Jesus aufzunehmen bedeutet, sich nicht von Eitelkeit und Erfolg bestimmen zu lassen, aber sich eben auch nicht von Angst und Sorgen lähmen zu lassen. Das kann gelingen, wenn wir aus der Gewissheit heraus leben, dass wir von Gott bereits gerettet sind und uns nicht um unser Schicksal sorgen müssen. Das kann neue Kräfte freisetzen.
Papst Leo nennt das eine »Zivilisation der Liebe«1, die von uns Christ:innen ausgehen soll. Wenn wir – und zwar jede und jeder Einzelne – uns dafür entscheiden, so zu leben, können wir selbst zu heilen und heilenden Menschen werden, die die Welt zum Guten beeinflussen. Es hängt auch von unserer Entscheidung ab.
Ergänzung: Maja Göpel schreibt zum Einfluss des Individuums in ihrem Buch Wir können auch anders: „Keiner von uns handelt isoliert von dem, was davor war oder was andere tun. Behalten Sie das im Hinterkopf, wenn Ihnen jemand erzählen will, dass das, was Sie tun, am Großen und Ganzen nichts ändern wird, weil Sie zu klein zu unbedeutend oder zu wenige sind. Dass es für die Massentierhaltung egal ist, ob Sie Bio-Fleisch essen. Dass es für die Vermüllung der Ozeane egal ist, ob Sie kein Plastik mehr kaufen. Dass es für die Demokratie egal ist, ob Sie wählen oder nicht, und dass es für den Kampf gegen das Klimachaos egal ist, was wir in Deutschland tun, weil wir doch nur zwei Prozent des globalen Kohlendioxidausstoßes verantworten. Und dass es keine Rolle spielt, was ein Kind über die Zukunft sagt. Sie haben das Vermögen, einen Unterschied zu machen.“
- Leo XIV, Eröffnung des außerordentlichen Konsistoriums am 26. Juni 2026, Vatikanstadt 2026. https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/speeches/2026/giugno/documents/20260626-concistoro-straordinario.html (29.06.2026). ↩︎