Gruppenfoto von 12 Menschen, künsterlisch verfremdet

Klassentreffen und Schulfeste
Nur ein verklärter Blick zurück?

Nostalgsche Erinnerungen, die mir ein Gefühl von Heimat schenken, Anekdoten, die niemals zu altern scheinen, und das Gefühl, in eine gelassenere Zeit zurückversetzt zu sein. All das verbinde ich mit Momenten, in denen ich meine alte Schule besuche oder Menschen treffe, die diese Zeit mit mir geteilt haben. Doch warum ist mir die Erinnerung so wichtig?

Vor einer Woche hat meine ehemalige Schule ihr 200-jähriges Bestehen gefeiert. Zahlreiche Veranstaltungen haben das Wochenende geprägt: ein Festkommers (den Begriff habe ich erst nachschlagen müssen), ein Schulfest und eine Ehemaligen-Party waren Teil des Programms. Gemeinsam mit meiner Klassenkameradin durfte ich im ökomenischen Gottesdienst zum Auftakt dieses besonderen Wochenendes predigen. Schon die Vorbereitung haben wir genutzt, noch einmal einzutauchen in die Zeit des Erwachsenwerdens oder was man damals dafür gehalten hat. Über 20 Jahre ist es her, dass ich 2004 am Stiftischen Gymnasium in Düren, dem Stift, mein Abitur abgelegt habe.

Einladungskarte für Ehrengäste zum 200-jährigen Jubiläum des Stiftischen Gymnasiums Düren.
Einladungskarte zum Schuljubiläum. Foto: Andreas Hahne

Nüchtern betrachtet war die Schulgemeinschaft für mich damals von geringer Bedeutung. Meinen Freundeskreis hatte ich außerhalb in meiner Volleyball-Mannschaft. Ich habe mich mit allen gut verstanden, ohne enge Freundschaften zu haben, ich war ein guter Schüler ohne herausragend zu sein, aber auch weit davon entfernt, mir Sorgen zu machen. Über das erwartete Maß hinaus habe ich mich nicht ins Schulleben eingebracht. Ein Schultag dauerte mehr oder weniger sechs Stunden, manche Stunde war ermüdend, manche Nerven aufreibend, wenige unterhaltsam. Mein Selbstbewusstsein war so wenig ausgeprägt, dass ich mich mündlich in den wenigsten Fächern beteiligte, selbst wenn ich etwas zu sagen hatte. Warum also verbinde ich damit heute so viel mehr Emotionen als beispielsweise mit den Volleyball-Spielen aus dieser Zeit?

Meine These ist: die Schulzeit hat zu meiner Identitätsbildung eben doch am meisten beigetragen. Natürlich war ich mit dem Abitur kein fertiger Mensch — das Abitur, das Reifezeugnis, ist ja kein Zeugnis von Reife. Zugleich ist die Zeit bei mir so präsent wie keine andere. Beispielhaft dafür sind die vielen Sprüche von Lehrer:innen, die ich bis heute nicht nur in Erinnerung, sondern noch im Ohr habe: „Morgen, Buch, Heft, Bleistift in der Hand“, waren jedes Mal die Worte meines Lateinlehrers, bevor es ans Übersetzen ging; und sie klingen in meinem Ohr weniger hart, als die geschriebenen Worte. „Wir haben Geld für Panzer in Afghanistan, aber kein Geld für neue Geodreiecke“, lamentierte mein Mathe-Lehrer regelmäßig, wenn er wie Don Quijote mit seiner Lanze, dem Tafellineal, und seinem Schild, dem abgebrochenen Geodreick aus Plexiglas, durch die Tür kam und seine Tasche lässig auf den Katheder schmiss (der selbst an unserer traditionsbewussten Schule natürlich längst schon nicht mehr so hieß).

Eine Zeit, in der eine bessere Zukunft erträumt, Begierden unerfüllt blieben, Erinnerungen geschaffen und Talente freigelegt wurden

Beim Schuljubiläum vergangene Woche begegnen mir Lehrer:innen wie diese heute wieder. Wir können jetzt auf Augenhöhe reden, die Autorität hat sich in einem guten Sinn aufgelöst, auch wenn das Du-Sie-Problem immer dazwischensteht. Zugleich sind sie älter geworden, wirken zerbrechlicher. Aber vielleicht waren sie damals auch zerbrechlicher, menschlicher, als wir meinten. Hin und wieder blitzte das durch.

Das Leben in den 1990ern wirkt auf mich im Rückblick ruhiger als das heutige. Vermutlich war es tatsächlich so, denn die einzige Ablenkung, die damals von Handys ausging, war das Snake-Spiel oder mal eine SMS. Wenn wir auf den Bus warteten, mussten wir miteinander sprechen, nicht den Feed in unserem Instagram-Account durchsehen. Wenn ich heute Serien aus dieser Zeit anschaue, bin ich fasziniert, dass Jugendliche da sitzen und ein Buch lesen oder: Langeweile haben. Doch auch das ist eine Verklärung: In dem Film Immer die Radfahrer mit Heinz Erhardt, Hans-Joachim Kulenkampff und Wolf Albach-Retty aus dem Jahr 1958 beklagt einer der Protagnositen diese „schnelllebige Zeit“, einen Begriff, den ich mit der Bräsigkeit der 1950er-Jahre nicht in Verbindung bringen kann. Tempora mutantur? Wohl nicht so stark, wie wir meinen.

Das Lebensgefühl von Jugendlichen ist in gewisser Weise über die Zeit hinweg unverändert, auch wenn es sich an die Umstände anpasst. Für mich war es eine Zeit, in der eine bessere Zukunft erträumt, Begierden unerfüllt blieben (denn ich war viel zu schüchtern, meiner Angebeteten ihre Liebe zu gestehen), Erinnerungen geschaffen wurden (nicht zuletzt bei Abschlussfahrten und Abi-Partys) und Talente freigelegt wurden (ich konnte doch tatsächlich humorvolle Artikel für die Abzeitung schreiben). Gerade in der Schlussphase rund um die Erstellung der Abizeitung entdeckte ich Fähigkeiten an mir, die mir später nützlich wurden. Bei genauerer Betrachtung sind es gerade diese wilden Monate vor und nach dem Abi, die ich auf die restliche Schulzeit projiziere.

Ein Sprung zur Ehemaligen-Party beim Schuljubiläum. Von meinen 63 Mitschüler:innen sind zwölf gekommen. Manche habe ich vor kurzem noch gesehen, eine habe ich seit unserem Abi nicht mehr getroffen. Ich nehme wahr, dass keine Distanz da ist, auch wenn sich unsere Lebenswelten so unterschiedlich entwickelt haben: die meisten sind verheiratet, viele haben Kinder, andere nicht. Für uns alle scheint es gut zu sein noch einmal abzutauchen in das Damals von heute. Ich bin froh, dass wir uns im Abstand von fünf Jahren treffen; etwa die Hälfte der Stufe ist immer dabei. Ich erfahre immer noch Geschichten, die ich damals nicht mitbekommen habe. Doch ich frage mich auch: Was ist aus den Menschen geworden, die jeden Kontakt abgebrochen haben? Die Schulzeit und das Leben danach ist nicht für alle so rosig gewesen, wie es Klassentreffen nahelegen, weil dort nur die Geschichte der Anwesenden erzählt werden kann.

Ich empfinde es als Geschenk, dass die schlechten Erinnerungen an verhauene Klassenarbeiten, Angst vor Referaten oder spontane Vokabelabfragen kaum noch in meinem Kopf sind, während die Erinnerungen an den Klassenverbund und die Jahrgangsstufe, an Klassenfahrten und Partys so viel mehr Raum einnehmen. Die heutige Musik, die stark von Cover-Songs aus den 1990ern geprägt ist, verstärkt in mir die Emotionen von damals. Doch auch wenn die Songs gleich sind, hat sich der Stil an die heutige Zeit angepasst. Ebenso ist der Wunsch noch einmal in der Schulzeit zu leben nur dank meiner Lebenserfahrung so attraktiv: die Sorgen von damals wirken heute überschaubar, damals waren sie real. Die Herausforderungen von damals wirken heute beherrschbar: ein Referat würde nicht mehr zu einem Schweißausbruch führen, sondern sogar Freude machen, und vielleicht könnte ich meiner großen Liebe auch heute meine Gefühle ausdrücken — gerade weil diese Verliebtheit lange verflogen ist. Denn auch das scheint mir wichtig bei der Verklärung der Schulzeit: nur aus sicherer Distanz ist sie eine Idylle, nicht in der Realität. Nur mit den Erfahrungen von heute scheinen die Herausforderungen von damals zu bewältigen zu sein.

Beim Festkommers hält der Schriftsteller und ehemalige Stift-Schüler Michael Lenz eine ausschweifende Festrede. Neben bildgewaltigen Anekdoten erinnert er auch an den wiederkehrenden Traum, eine Abiturklausur wiederholen zu müssen. Zustimmendes Raunen geht durch die Aula, weil wohl fast alle einen ähnlichen Traum kennen. Diese Versagensangst scheint tief in uns eingebrannt zu sein.

Ist also die Erinnerung an die Schulzeit nur ein verklärter Blick, eine Sehnsucht nach einer Zeit, die es nie gegeben hat? Klassentreffen sind dann Kristallisationspunkte dieser Sehnsüchte. Doch sie transportieren die Vergangenheit auch in die Gegenwart, denn die Personen, die ich da treffe, sind dieselben wie damals. Ansichten haben sich verändert, Meinungen vertieft, wir sind reifer geworden. Und zugleich schaue ich in dieselben Gesichter wie vor über 20 Jahren. Es ist etwas gleich geblieben. Hier entdecke ich eine Parallele zur Religion. Biblische Erzählungen wollen auf der menschlichen Ebene genau dasselbe: vergegenwärtigen, was die kollektive Erfahrung eines Volkes oder einer Gemeinschaft über die Zeit hinweg ausmacht und so eine Verbindung von der Vergangenheit in die Gegenwart schafft. Klassentreffen erinnern mich daran, dass ich die Zeit nicht festhalten kann, aber ich kann Erinnerungen wachhalten, weil sie mir die Wurzeln vor Augen führen, die mich geprägt haben.

Im ersten Teil seines Romans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust singt der Erzähler ein Lob auf die Erinnerung, das ich als sehr passend empfinde:

Weil ich an die Dinge, die Wesen glaubte, während ich jene Gegenden durchschritt, sind die Dinge und Wesen, die ich in ihnen kennenlernte, die einzigen, die ich heute noch ernst nehmen kann und die mir Freude schenken. Ob nun der schöpferische Glaube in mir versiegt ist oder die Wirklichkeit sich nur aus unserer Erinnerung formt, jedenfalls kommen mir Blumen, die man mir heute zum erstenmal zeigt, nicht mehr wie richtige Blumen vor. […] [D]ie Kornblumen, der Weißdorn, die Apfelbäume, die ich manchmal, wenn ich reise, auf den Feldern sehe, treten, weil sie auf der gleichen Höhe oder Tiefe in meiner Vergangenheit gelegen sind, sofort mit meinem Herzen in Verbindung.1

Erinnerungen rühren das Herz an, vermutlich schaffen sie auch erst die Wirklichkeit, in der wir heute leben. Manchmal müssen wir träumen, um die Realität zu verstehen.

Schulgebäude des Stiftischen Gymnasiums Düren vom Schulhof aus mit vielen Menschen im Vordergrund.
Schulfest des Stiftischen Gymnasiums Düren im September 2022, Foto: Andreas Hahne

Beim Schulfest werfe ich vom Schulhof aus einen Blick auf das Gebäude. Nichts hat sich verändert bis auf die Fenster, die irgendwann ausgetauscht wurden. Ich blicke auf die Kinder und Jugendlichen, die an den Verkaufsständen arbeiten oder mit Freund:innen herumstehen und quatschen. Sie unterscheiden sich von uns, wie könnte es auch anders sein, aber auch sie haben untereinander Spaß, auch sie erarbeiten sich gerade Erinnerungen für ihren eigenen wohlig-verklärten Blick zurück.

  1. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Band 1: Unterwegs zu Swann. Frankfurt a.M. 42023, S. 269f. ↩︎

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