Jetzt zum Beginn der Sommerferien starten viele Familien in den Urlaub. Es ist eine Zeit, in der Menschen durchatmen können und die Alltags-Sorgen hinter sich lassen möchten. Auch wenn das wohl nicht immer so gelingt – sinnvoll ist das schon, sich nicht immer mit schweren Gedanken zu beschäftigen, sondern gelassener zu werden, auch mal in den Tag hineinzuleben.
Ein überraschendes Vorbild dafür liefert uns das heutige Evangelium. In gleich drei Gleichnissen vermittelt uns Jesus, wie das Himmelreich in der Welt ausbreiten wird. Es ist die zentrale Botschaft Jesu: das Himmelreich – das Reich Gottes – ist nahe und hat durch sein Erscheinen bereits begonnen. In dem umfassendsten Gleichnis begegnet uns heute ein Bauer, dem übel mitgespielt wurde. Doch statt sofort zu handeln und das Unkraut auszureißen, um die Ernte zu retten, bleibt er gelassen: Erst einmal abwarten bis zu richtigen Zeit. Wenn er zu früh handelt, wird auch die gute Ernte zerstört. Später lassen sich Unkraut und Weizen besser unterscheiden. Dann wird es Zeit, das Unkraut zu verbrennen und die Ernte einzufahren.
Die gute Saat ist ausgesät, und das Himmelreich wird auch ohne unser Zutun einmal prachtvoll sichtbar werden, so die Botschaft des Gleichnisses.
Also einfach zurücklehnen? Das umfangreiche Gleichnis möchte die Hörer:innen zugleich zu einem entschlossenen Handeln bewegen. Jesus endet mit einem eindringlichen Weckruf: »Wer Ohren hat, der höre«, denn am Ende entscheidet unsere persönliche Lebensführung, ob wir zur guten Ernte gehören und als Gerechte im Reich Gottes wie die Sonne leuchten werden – oder eben nicht. Dabei sollen wir vor allem auf uns selbst achten und nicht versuchen, das Unkraut um uns herum – oder besser: was wir für Unkraut halten – mit Zwang zu verändern oder auszureißen. Wir bilden nicht das Gericht, dafür ist Gott zuständig. Also: nicht zu sehr auf das Schlecht um uns herum achten.
Denn ein Übermaß an bedrückenden Nachrichten und bösen Absichten in der Welt kann Menschen in eine Abwärtsspirale hinunterziehen. Das Gleichnis ermutigt dazu, den Blick davon zu lösen, gerade da, wo wir es nicht beeinflussen können. Wer zu sehr das Schlechte in den Blick nimmt, kann davon angesteckt werden. Das kann zu Groll führen, zu einer zynischen Sicht auf die Welt oder sogar dazu, selbst böse zu handeln – nach dem Motto: wenn alle so handeln, mache ich es eben auch. Und schon werden wir selbst zum Unkraut.
Die Gelassenheit des Bauern im Gleichnis lenkt unseren Blick dagegen weg vom Gewalt, Hass und allem Bösen hin zum Guten, zum Wahren und auch zum Schönen. Wenn wir unseren Blick darauf richten und das stärken, läuft manche böse Absicht ins Leere. Wer zu sehr auf Populismus und Hasskommentare reagiert, bauscht unnötig auf, was ansonsten vielleicht verpufft wäre. Warum nicht mal das Schöne betonen?
Aber schaffen wir uns damit nicht eine heile Welt? Blenden wir das Leid von Menschen dann aus? Ich muss dabei an das Lied Wer nur den lieben Gott lässt walten denken (GL 424). Georg Neumark hat es 1641 gedichtet, mitten im Dreißigjährigen Krieg, einer Zeit voller Not und Elend. Er selbst war zudem gerade ausgeraubt worden. In dem Lied heißt es: »Wir machen unser Kreuz und Leid / nur größer durch die Traurigkeit.« Also: nicht nur um das Schlechte kreisen, sondern den Blick weiten auf das Gute – und auf den Guten: Gott. Darauf vertrauen, dass er am Ende gerecht sein wird: »Sing, bet und geh’ auf Gottes Wegen / verricht das Deine nur getreu. […] Denn welcher seine Zuversicht / auf Gott setzt, den verlässt er nicht.«
Das Lied ignoriert das Leid nicht, aber genau wie das Gleichnis unterstreicht es: Wir sind für den guten Weizen verantwortlich, nicht für das Unkraut und erst recht nicht für die Ernte. Nicht wir schaffen eine umfassende Gerechtigkeit, sondern Gott wird das tun. Und er wird es ganz gewiss tun, wenn er seine Ernte einfährt.
