11. Sonntag im Jahreskreis A
Vielfältige Köpfe und Talente
Vergangene Woche musste ich im Duisburger Bahnhof umsteigen. Jeder, der da in letzter Zeit einmal gewesen ist, weiß, dass die Gleishalle in großem Stil umgebaut wird. Die alten Bauten werden abgerissen, neue Gleise werden verlegt, Pfeiler und Verstrebungen errichtet. Viele Bauarbeiter sind da an unzähligen Stellen im Einsatz mit ihren verschiedenen Werkzeugen und Maschinen. Beachtet werden sie bei ihrer Arbeit meistens wohl nicht; sie bleiben namenlos. Doch am Ergebnis sieht man Stück für Stück, was die Menschen dort bereits geleistet haben. Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen.
Von den Männern, die Jesus in seinen engsten Kreis ruft, haben wir vorhin Namen gehört. Einige sind uns vertraut, andere fremd. Namen heben Menschen aus einer Masse heraus. Wer sind diese Zwölf?
Der wohl bekannteste Name direkt am Anfang: Simon (Petrus). Er und sein Bruder Andreas sind Fischer. Einfache Menschen, genau wie die Brüder Jakobus und Johannes. Sie werden an anderer Stelle »Donnersöhne« genannt, wohl weil sie besonders aufbrausend waren. Dann ist da der Realist Thomas und Bartholomäus, den einige für einen Schriftgelehrten halten. Oder Judas Iskariot, der wohl irgendwann so enttäuscht war von Jesus, dass er ihn verriet Und es gibt weitere Personen mit offensichtlich unterschiedlichen politischen Ansichten: Simon Kananäus, der zur Partei der Zeloten gehört. Diese lehnten sich gegen die Römer auf. Auf der anderen Seite Matthäus, der als Zöllner mit genau diesen Römern gemeinsame Sache machte. Ganz unterschiedliche Ansichten und vielschichtige Charaktere. Reichlich Konflikt-Potential also in dieser Gemeinschaft.
Warum gibt Jesus gerade diesen Männern nach intensivem Gebet die Vollmacht? Mir scheint: er wählt bewusst eine so bunte Gruppe aus, damit möglichst viele Menschen von seiner Botschaft erreicht werden können: intellektuelle und einfache Menschen, nachdenkliche und energische, erfolgreiche und deprimierte. Er will nicht bloß eine harmonische Gruppe sammeln. Und die Aufgabe ist mehr als anspruchsvoll: Das Himmelreich verkünden und das dadurch zu bekräftigen, dass sie Kranke heilen und Tote auferwecken.
Und zwar in ganz Israel. Auch dafür steht die Zahl der zwölf Jünger: für die zwölf Stämme Israels, die nach dem ersten Buch der Bibel aus den zwölf Söhnen Jakobs hervorgegangen sind. Die zwölf Apostel stehen für das Haus Israel, das wiederhergestellt werden soll. Und für diese Aufgabe braucht er so vielfältige Menschen. Nicht irgendwelche, sondern genau diese.
Auffällig ist, dass Jesus ihnen einschärft nicht zu den »Heiden« zu gehen, also nicht zu denen, die einen anderen Glauben als den jüdischen haben. Erst nach der Auferstehung Jesu gelangt die Botschaft auch zu ihnen. Vor allem durch Paulus. Davon haben wir in dem Abschnitt aus dem Römer-Brief heute gehört. In die ganze Welt wird dieser Glaube an Jesus Christus schließlich hinausgetragen. Aber das geschieht nicht von selbst. Es sind unzählige Frauen und Männer, die mit ihren ganz eigenen Gaben den Glauben weitertragen: davon erzählen, ihn vorleben und häufig sogar dafür sterben: Lydia und Barnabas, Junia und Andronikus, Sophie Scholl und Oscar Romero. Erst die Vielfalt ermöglicht es, so viele Menschen davon zu überzeugen, dass Jesus Christus für unsere Rettung gestorben und auferstanden ist. Nur das Engagement so vieler führt immer mehr Menschen zu dieser wirklich frohen Botschaft.
Und heute gehören wir als Getaufte und gefirmte in diese Reihe, nicht nur die Bischöfe als Nachfolger der Apostel. Er sendet uns, Menschen davon zu begeistern, indem wir ihnen das erzählen, was wir vom Glauben verstanden haben und was uns Kraft gibt. Ohne die vielfältigen Zugänge und Ausdrucksweisen von uns kann sich der Glaube nicht verbreiten. Und es ist notwendig, denn das Wort von Jesus gilt heute auch noch: »Die Ernte ist groß.« Und die Frage bleibt: »Wie viele Arbeiterinnen und Arbeiter gibt es auf der Baustelle Gottes heute?«