Blick hinunter auf einen Teil des Rursees in der Eifel

27. Sonntag im Jahreskreis
Mit Franz von Assisi Gott dankbar loben

Immer wieder bin ich im Moment zu Fortbildungen in der Nähe von Bingen. Das Tagungshaus liegt auf dem Jakobsberg, mitten in den Weinbergen von Rheinhessen mit dem Blick auf den Rhein. Gerade jetzt im Herbst ist das nicht die schlechteste Ecke: bei Spaziergängen in der Mittagspause oder am Abend die schönen Farben der Blätter, die reifen Trauben an den Reben und die Vorfreude auf den Wein. Zugleich lässt sich auch erahnen, welche Arbeit dahinter steckt, die heute immerhin durch vielerlei Maschinen erleichtert wird.

In den biblischen Texten geht es nicht um eine vermeintliche Idylle im Weinberg, sondern um knallharte Habgier. Und – übertragen auf den Sinn, der hinter dem Gleichnis steht – um die Frage: Wer hat Anteil am Reich Gottes? In dem, was Jesus erzählt, wird deutlich, dass es Menschen gibt, die für sich beanspruchen, selbst die Herren über diesen Weinberg, also über das Reich Gottes zu sein. Er spricht hier, wie schon im Evangelium des vergangenen Sonntags, die Hohenpriester und Schriftgelehrten an, die sich anmaßen, das Reich Gottes als ihren Besitz zu begreifen. Sie scheren sich nicht darum, dass Gott ihnen die Aufgabe lediglich übertragen hat, in der Zeit dieser Welt dafür zu sorgen, dass diese Reich Früchte hervorbringt. Sie wollen alles für sich und sind deswegen sogar bereit, dem Willen Gottes zuwider handeln.

Der Evangelist Matthäus schreibt das sicher vor dem Hintergrund von Konflikten zwischen seiner Gemeinde mit Menschen aus seinem jüdischen Umfeld. Es geht nicht um eine Übertragung vom Judentum auf das Christentum. Über die ganze Geschichte der Kirche bis heute dürfen wir das auch auf andere Konflikte übertragen. Immer wieder versuchen Menschen, selbst darüber zu bestimmen, was mit diesem Reich Gottes geschieht, wer darin eine Rolle spielt und wer überhaupt dabei sein darf. Aber: die Kirche ist nicht das Reich Gottes. Sie soll in dieser Welt Früchte hervorbringen für das Reich Gottes – und zwar mit Hilfe des Heiligen Geistes, durch den die Kirche überhaupt nur besteht.

Weder die Kirche noch die Welt gehören uns. Wir müssen sie als ein Geschenk annehmen und verwalten. Ein Geschenk, das wir von Gott erhalten haben.

Wie kaum ein anderer konnte Franz von Assisi die Welt dankbar als ein Geschenk von Gott annehmen. Mit seiner bewussten Armut erkannte er an, dass nichts ihm selbst gehört. Auch die Früchte, die er durch sein Leben hervorgebracht hat, ist er bereit, Gott zurückzugeben. Und er hat weiß Gott viel bewirkt. In dieser dankbar-demütigen Haltung erweist er sich als der Pächter, der es sich verdient hat, in diesem Weinberg zu wirken.

Weder die Kirche noch die Welt gehören uns. Wir müssen sie als ein Geschenk annehmen und verwalten. Ein Geschenk, das wir von Gott erhalten haben.

In seinem berühmten Sonnengesang drückt Franz von Assisi diese Haltung aus. Der Gesang ist ein Lob auf den Schöpfer selbst, nicht auf die Geschöpfe. Die spiegeln lediglich die Liebe Gottes wider: Als Geschwister beschreibt er Sonne, Mond und Sterne; den Wind und die Wolken; das Wasser und das Feuer; und »Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern«.

Umso erstaunlicher: Franz schreibt das nicht in einem Moment emotionaler Ergriffenheit, sondern wenige Jahre vor seinem Tod, als er bereits erblindet ist, all das also nicht mehr sehen kann. Er spürt diese Verbundenheit, die über eine Gefühlsduselei hinausgeht. Er macht aus der Umwelt eine Mit-Welt.

Bilderrahmen an der Wand enthält in Kalligraphie den Sonnengesang des Franz von Assisi

Zugleich dürfen wir nicht den Fehler machen, ihn als Umweltschützer seiner Zeit zu verstehen. Im 13. Jahrhundert war das für ihn kein Thema, weil die Mitwelt anders als heute nicht bedroht war durch den Menschen. Franz geht es um Gott als Schöpfer, den er hinter allem wahrnimmt und der doch so ganz anders ist.

Und doch können wir für unsere Zeit viel von ihm lernen. Franz hat das, was um ihn herum war, nicht als seinen eigenen Besitz betrachtet, sondern als den Lebensraum – oder eben Weinberg –, den er von Gott verliehen bekommen hat, um darin zu wirken und so Früchte des Reiches Gottes hervorzubringen. Er war bereit, »Ja« zu sagen zu der Welt, in die Gott ihn gestellt hat. Franz von Assisi war bereit, diese Früchte am Ende seines Lebens Gott voll Dankbarkeit zurückzugeben und dann auch loszulassen.

Und wie bewegen wir uns in diesem Weinberg?

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