Wenn ich anderen Menschen von Taizé erzähle, ist es oft wie bei den alten Dia-Abenden: Freundliches Interesse, aber die Emotionen, die man schildert, wollen nicht recht überspringen. Anscheinend lässt sich das Leben bei und mit der Gemeinschaft von Taizé nur erleben, aber nicht beschreiben, denn das meiste geschieht im Herz (oder der Seele), nicht im Kopf. Ich musste diesmal drei Tage warten, bis es bei mir Zeit war für die Emotionen. In diesem Text schildere ich vor allem meine inspirierenden Erfahrungen. Zugleich frage ich aber auch, was sich daraus für die heimische Gemeinde lernen lässt.
Zum zweiten Mal war ich in diesem Jahr zu Gast in diesem kleinen Dorf im Osten Frankreichs, in dem besonders im Sommer Woche für Woche Tausende von Jugendlichen zusammenkommen, um gemeinsam zu singen, zu beten, zu arbeiten – und um sich auszutauschen über ihr Leben, ihre Gedanken und ihren Glauben. 1940, mitten im Krieg, entwickelt sich hier eine Gemeinschaft, die seit den 1960ern besonders junge Menschen einlädt. Als 41-Jähriger gehöre ich folglich nicht zur eigentlichen Zielgruppe. Doch die Communauté de Taizé hat auch für ältere Menschen wie mich Wege gefunden, die Begegnungen wachzuhalten: in einem eigenen Bereich mit separaten Mahlzeiten und Gruppen. Nur zu den Gebetszeiten kommen alle in der großen Kirche zusammen. Die ist eine Melange aus Turnhalle und modularem Zweckbau mit Garagentoren, mittels derer der Raum der Personenzahl entsprechend angepasst werden kann, sodass immer der Eindruck einer vollen Kirche entsteht. Die intensiven Wandfarben gold, blau und grün, der nüchtern gestaltete Altarraum, viele brennende Teelichte und nicht zuletzt die zahlreichen Ikonen lassen aus dem schlichten Gebäude einen spirituellen Raum entstehen.

Gebetszeiten gliedern den Tag
Die gemeinsamen Gottesdienste dort bilden auch den Kern im Tagesablauf: morgens, mittags und abends kommen die Menschen hier zusammen für eine Gebetszeit mit den bekannten meditativen Taizé-Gesängen, kurzen Bibelabschnitten und einer Stille. Tausende, die gemeinsam singen und schweigen erzeugen eine einzigartige Stimmung. Höhepunkte sind die Kreuzverehrung am Freitag- und die Lichterfeier am Samstagabend, in der die Auferstehung Jesu gefeiert wird. Dreißig bis vierzig Minuten dauern die Gebetszeiten, die an die traditionelle Stundenliturgie angelehnt sind.
Kein Wort wird hier zu viel gesprochen. Wer eine tiefsinnige Predigt erwartet, wird enttäuscht werden: das Wort Gottes soll sich hier ohne menschliche Hilfe entfalten. Allerdings läuft auch niemand Gefahr, sich über eine zu lange, zu unverständliche oder zu provokante Predigt ärgern zu müssen. Stattdessen: Sieben Minuten Stille, nachdem der Bibeltext des Tages in mehreren Sprachen vorgetragen worden ist. Ganz viel geht über das Gefühl, aber auch über Qualität und Verlässlichkeit. Die Lieder sind schlicht genug, um sie auswendig mitsingen zu können – sofern sie nicht in einer slavischen Sprache gesungen werden –, zugleich haben die Texte eine große Tiefe, meist greifen sie einen Psalm-Vers oder ein anderes Bibelzitat auf. Spontaneität ist hier nicht gefragt. Die einzige Überraschung liegt allenfalls darin, ob das Lieblingslied in der Gebetszeit dabei ist oder nicht. Durch den Gesang der Mönche und vieler weiterer toller Stimmen droht der Gesang nie peinlich zu werden, wie es vielleicht einmal passieren kann, wenn man versucht, die Stimmung von Taizé in die Heimat-Gemeinde zu transportieren. Hier in Frankreich trägt die große Gemeinschaft dazu bei, dass man mit hineingenommen wird in das stille Gebet.
Wo ist Gott denn?

Wenn es denn gelingt. Denn eine Garantie gibt es dafür freilich nicht. Am Mittwochsabend, es ist mein dritter Tag hier, sitze ich wie immer beim Gebet. Die Gesänge singe ich eifrig mit, sitze bequem auf meinem Gebetshocker, doch plötzlich das Gefühl: irgendetwas fehlt. Ich merke: alles spielt sich bei mir gerade nur im Kopf ab, meine Gedanken und die Sätze, die ich tagsüber in Gesprächen von mir gebe. Mein Herz dagegen bleibt außen vor, ein bisschen versteinert. Bei geschlossenen Augen fällt mir die Ikone mit dem Titel Christus und Abbas Menas ein. Jesus legt da freundschaftlich einem Menschen die Hand auf die Schulter, beide schauen in dieselbe Richtung. Das Bild brauche ich jetzt als Bestätigung für meine eigene Beziehung zu Jesus. Ich schlage die Augen auf und schräg links, weit entfernt auf der anderen Seite sehe ich das Bild nur schräg von der Seite. Urplötzlich regt es sich in mir: Tränen laufen mir aus den Augen. Für die Menschen um mich herum muss es scheinen, als hätte ich gerade eine sehr intensive Erfahrung, doch das Gegenteil ist der Fall: ich merke, wie sehr mir Jesus in diesem Moment fehlt.
Doch gerade das Vermissen war wohl notwendig, um etwas in mir freizusetzen. Spontan bin ich am selben Abend zur Beichte, habe ein sehr gutes Gespräch mit einem gleichaltrigen deutschen Priester geführt, der genau die richtigen Worte fand. An diesem Abend hatte sich etwas in mir gelöst.
Überhaupt die Beichten: Auch sie werden an jedem Abend angeboten, ebenso wie Gespräche mit den Brüdern der Gemeinschaft und weiteren Seelsorger:innen. Auch ich habe hier abends meinen Dienst getan, und der wurde rege nachgefragt. Selten bin ich von Beichtgesprächen so bewegt gewesen wie hier. Die Atmosphäre schafft einen Raum dafür, dass sich Menschen ganz intensiv mit sich und ihrer Beziehung zu Gott auseinandersetzen können. Nicht in erster Linie die Schuldgefühle, sondern Sehnsüchte und Unsicherheiten haben hier Raum.
Glaubensgespräche legen die eigenen Fragen frei
Und das gilt nicht nur für die Beichtgespräche. Einmal am Tag findet eine Katechese statt, eine dreiviertel Stunde spricht ein:e Theolog:in fundiert über einen Bibeltext. Für die Erwachsenen war diesmal eine Priesterin der Episcopal Church gewonnen worden. Sie sprach nicht nur oberflächlich über den Text, sondern machte uns auf manches interessante Detail aufmerksam. Anschließend trafen wir uns in einer Kleingruppe zum Austausch. In unserer Gruppe brauchten wir etwa zwei Tage, bis wir uns eingeschwungen hatten. Elf Personen aus allen Regionen Deutschlands und mit ganz unterschiedlichem konfessionellem und theologischem Hintergrund mussten wir unter einen Hut bekommen. Doch zur Wochenmitte war ein großes Vertrauen entstanden, sodass wir uns auch über unsere innersten Gedanken und Gefühle austauschen konnten.
Neben dem geistlichen Austausch mussten wir auch ganz handfest zusammenarbeiten, denn jede:r muss in der Woche eine Aufgabe übernehmen: Essensausgabe, Chorsingen, Toilettenreinigung etc. Unserer Gruppe fiel das Abspülen nach dem Abendessen zu. Weil die Menge an Geschirr abends üppig und die Zeit bis zum Abendgebet knapp war, hielten wir uns ran, die Aufgabe zügig und gewissenhaft zu erledigen. Schnell hatten wir unseren Arbeitsrhythmus gefunden: Spülwasser vorheizen, regelmäßig Teller, Tassen und Tabletts in die Küche fahren, klarspülen, einräumen – alle hatten die passende Aufgabe schnell gefunden, sodass wir immer rechtzeitig in der Kirche waren. Als Teambuilding sollte diese Arbeit nicht unterschätzt werden.
Wie lässt sich ein tiefes Zuhören über den Glauben ermöglichen?
In meinem Liedheft, haben diese Menschen mit kurzen oder längeren ausformulierten Gedanken ihre Spuren hinterlassen, die mich auch zuhause weiter begleiten werden. Diese Gruppe hat die Woche in Taizé für mich am meisten bereichert und dazu geführt, dass ich wehmütig Samstagabends in den Bus zurück nach Deutschland gestiegen bin. An diesem Punkt sind für mich auch die Fragen am drängendsten: Wie lässt sich so eine Atmosphäre des Zuhörens in einer Gemeinde ermöglichen? Wie findet sich ein Personenkreis, in dem alle ihre Erfahrungen und Gefühle einbringen können, auch wenn der Alltag immer etwas mehr an der Tür klopft als im Burgund? Welcher Umfang ist bei all den anderen Terminen angemessen, ohne Druck zu erzeugen? Diese Gespräche auf Augenhöhe, die sich nicht um Kirchenpolitik oder Strukturen drehen, sondern die existenziellen Themen um Gott und Welt behandeln, und zwar ganz konkret als Ort, an dem private Sorgen und Glaubenszweifel genauso Platz haben wie bestärkende Erfahrungen, liegen mir so am Herzen, dass ich die Fragen gerne weiterdenken möchte.
Was von den Erfahrungen bleibt
Als ich am Sonntagmorgen wieder in Deutschland bin, lasse ich als erstes die Lieder noch einmal laufen und lese zum ersten Mal die Zeilen, die meine Gruppe mir in mein Liedbuch geschrieben hat. Bei einem Lied bleibe ich besonders hängen:
Heureux qui s’abandonne à toi, ô Dieu, dans la confiance du cœur. Tu nous gardes dans la joie, dans la simplici-té, dans la miséricorde.
Der Text von Frère Roger besingt das Vertrauen im Herzen, was Gott zu Freude, Einfachheit und Barmherzigkeit verwandelt. Gerade die Einfachheit spricht mich an: nicht nur das einfache (und manchmal etwas karge Essen), sondern die Einfachheit im Leben, die Einfachheit im Gebet: mehr zu fragen als zu antworten, mehr zu hören als zu sprechen. Das prägt für mich den Geist von Taizé. Der müsste ein bisschen mehr in unseren Gemeinden wehen.
