{"id":414,"date":"2023-12-10T10:49:01","date_gmt":"2023-12-10T08:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/?p=414"},"modified":"2023-12-28T13:07:15","modified_gmt":"2023-12-28T11:07:15","slug":"mit-jesus-auf-mein-leben-schauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/?p=414","title":{"rendered":"Mit Jesus auf mein Leben schauen"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Original einer recht bekannten Ikone ist im Louvre ausgestellt. Einen Nachdruck davon gibt es in der Vers\u00f6hnungskirche in Taiz\u00e9 und an zahlreichen anderen Orten. Ihr Titel: \u201eChristus und Abbas Menas\u201c oder auch \u201eJesus und sein Freund\u201c oder \u201eIkone der Freundschaft\u201c. Sie zeigt einen gewissen Abt Menas neben Christus. Beide schauen dem Betrachter frontal in die Augen, sie blicken also in dieselbe Richtung. Jesus tr\u00e4gt in der linken Hand ein Evangeliar, die rechte Hand hat er freundschaftlich auf die Schulter des Abtes gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit einigen Jahren begegnet mir diese Ikone immer mal wieder und ich kann wohl sagen, dass sie mein Bild von Christus auch gepr\u00e4gt hat. Jesus als derjenige, der einem als Freund den R\u00fccken st\u00e4rkt, der mit einem nach vorne schaut und einen manchmal auch in die richtige Richtung schiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Evangelium begegnen wir Jesus heute nur indirekt, indem sein Kommen von Johannes dem T\u00e4ufer angek\u00fcndigt wird. Johannes ist neben Maria eine der zentralen Gestalten des Adventes. Er hat Jesus als den Messias erkannt und m\u00f6chte diesem den Weg bereiten. Die Leute kommen aber aus einem anderen Grund zu ihm \u2013 und zwar in Scharen: sie bekennen ihre S\u00fcnden und lassen sich taufen in der Hoffnung darauf, dass ihnen die S\u00fcnden vergeben werden. Auch wenn es vielleicht nicht \u201eganz Jud\u00e4a und alle Einwohner Jerusalems\u201c gewesen sind, wie der Evangelist Markus behauptet, d\u00fcrfte es ein Herzensanliegen vieler Menschen gewesen sein, das zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich selbst mit meinen Fehlern und Unzul\u00e4nglichkeiten konfrontieren: Wie ungern tue ich das doch! Vielleicht auch, weil heute gef\u00fchlt alles immer perfekt sein muss: der perfekte Lebenslauf, die perfekte Beziehung, das perfekte Dinner, das perfekte Instagram-Profil. Vielen, gerade jungen Leuten, macht das zu schaffen, weil sei feststellen: so perfekt wie die anderen bin ich nicht. K\u00f6nnen sie auch nicht sein, weil Vieles davon eben nur Fassade ist, nur Schein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kann es guttun, ganz bewusst auf seine Schw\u00e4chen zu blicken. Nicht, um sich schlecht zu f\u00fchlen, sondern um sich besser zu verstehen. Der ungesch\u00f6nte Blick auf sich selbst und die dunklen Ecken seiner Seele k\u00f6nnen schmerzhaft sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kann es helfen, eine gute Freundin oder Freund zu haben, dem ich mich \u00f6ffnen kann. Und da bin ich wieder bei der Ikone, die ich anfangs erw\u00e4hnt habe. Die Freundin, die mich mal auf eine Macke ungesch\u00f6nt hinweist; auch auf die Gefahr hin, dass ich erstmal eingeschnappt bin. Der Freund, der mir best\u00e4rkend den R\u00fccken st\u00fctzt und mich aufrichtet, statt mich auszulachen, wenn ich \u00fcber meine Schw\u00e4chen rede. \u00dcberhaupt: reden. Es geh\u00f6rt viel Mut dazu, sich nicht nur innerlich einen Fehler bewusst zu machen, sondern auch noch dar\u00fcber zu reden. Das ist mit Scham verbunden. Daf\u00fcr muss ich jemandem vertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es den Menschen, die zu Johannes kamen, genauso ging? Und wie haben sie ihre S\u00fcnden bekannt? Etwa \u00f6ffentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Da bin ich schon froh, dass die Beichte heute ganz privat ist und das Beichtgeheimnis absolut gilt. Auch so ein Ort, wo ich meine Fehler offen ansprechen kann. Oft z\u00f6gere ich lange, wieder zu beichten, und der Weg dahin ist auch nicht sonderlich fr\u00f6hlich. Hinterher f\u00fchle ich mich dann je nach Situation aber mehr oder weniger befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist aber die Beichte nicht etwas aus der Zeit gefallen? Kann ich das nicht direkt mit meinem Herrgott ausmachen? Ohne Frage wurde die Beichte oft genutzt, um Macht auszu\u00fcben, bis hin zu sexualisierter Gewalt auch dort. Und wahrscheinlich passiert das auch heute noch. Grund genug, um kritisch hinzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch bin ich \u00fcberzeugt, dass es so einen Ort braucht, an dem ich meine Fehler ungesch\u00f6nt aussprechen kann und nicht nur mit mir herumtrage.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine <em>Fehler<\/em>, aber auch Sorgen und \u00c4ngste, die mich belasten. Denn wenn Johannes uns auffordert, dem Herrn den Weg zu bereiten, dann geht es vor allem darum: zu schauen, was mich gerade daran hindert, weil Anderes in meinem Kopf mehr Platz einnimmt. Menschen berichten in Beichtgespr\u00e4chen immer wieder von Schicksalsschl\u00e4gen, von Zweifel und Verzweiflung, vom Ringen mit Gott. In den wenigen Monaten hat mich das mehr als einmal sehr besch\u00e4ftigt, um nicht zu sagen: zum Heulen gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen ist mir dieses Bild so wichtig: Gott legt einem in der Beichte die Hand auf die Schulter und sieht die Fehler und Zweifel \u2013 sonst w\u00e4re er nicht gerecht. Aber er sagt eben auch: \u201eKomm, wir fangen wieder von vorne an!\u201c Das ist seine Barmherzigkeit. Wenn wir dem Herrn den Weg bereiten sollen, dann muss der Weg nicht blitzeblank sein, es darf ruhig ein bisschen Staub und Dreck rumliegen. Aber der Weg muss sichtbar sein und er muss begehbar sein. Ich glaube das gen\u00fcgt dem Herrn, damit er den Weg auch entlanggeht \u2013 Schulter an Schulter mit uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Original einer recht bekannten Ikone ist im Louvre ausgestellt. Einen Nachdruck davon gibt es in der Vers\u00f6hnungskirche in Taiz\u00e9 und an zahlreichen anderen Orten. Ihr Titel: \u201eChristus und Abbas Menas\u201c oder auch \u201eJesus und sein Freund\u201c oder \u201eIkone der Freundschaft\u201c. Sie zeigt einen gewissen Abt Menas neben Christus. Beide schauen dem Betrachter frontal in die Augen, sie blicken also in dieselbe Richtung. Jesus tr\u00e4gt in der linken Hand ein Evangeliar, die rechte Hand hat er freundschaftlich auf die Schulter des Abtes gelegt. Seit einigen Jahren begegnet mir diese Ikone immer mal wieder und ich kann wohl sagen, dass sie mein Bild von Christus auch gepr\u00e4gt hat. Jesus als derjenige, der einem als Freund den R\u00fccken st\u00e4rkt, der mit einem nach vorne schaut und einen manchmal auch in die richtige Richtung schiebt. Im Evangelium begegnen wir Jesus heute nur indirekt, indem sein Kommen von Johannes dem T\u00e4ufer angek\u00fcndigt wird. Johannes ist neben Maria eine der zentralen Gestalten des Adventes. Er hat Jesus als den Messias erkannt und m\u00f6chte diesem den Weg bereiten. Die Leute kommen aber aus einem anderen Grund zu ihm \u2013 und zwar in Scharen: sie bekennen ihre S\u00fcnden und lassen sich taufen in der Hoffnung darauf, dass ihnen die S\u00fcnden vergeben werden. Auch wenn es vielleicht nicht \u201eganz Jud\u00e4a und alle Einwohner Jerusalems\u201c gewesen sind, wie der Evangelist Markus behauptet, d\u00fcrfte es ein Herzensanliegen vieler Menschen gewesen sein, das zu tun. Mich selbst mit meinen Fehlern und Unzul\u00e4nglichkeiten konfrontieren: Wie ungern tue ich das doch! Vielleicht auch, weil heute gef\u00fchlt alles immer perfekt sein muss: der perfekte Lebenslauf, die perfekte Beziehung, das perfekte Dinner, das perfekte Instagram-Profil. Vielen, gerade jungen Leuten, macht das zu schaffen, weil sei feststellen: so perfekt wie die anderen bin ich nicht. K\u00f6nnen sie auch nicht sein, weil Vieles davon eben nur Fassade ist, nur Schein. Dabei kann es guttun, ganz bewusst auf seine Schw\u00e4chen zu blicken. Nicht, um sich schlecht zu f\u00fchlen, sondern um sich besser zu verstehen. Der ungesch\u00f6nte Blick auf sich selbst und die dunklen Ecken seiner Seele k\u00f6nnen schmerzhaft sein. Da kann es helfen, eine gute Freundin oder Freund zu haben, dem ich mich \u00f6ffnen kann. Und da bin ich wieder bei der Ikone, die ich anfangs erw\u00e4hnt habe. Die Freundin, die mich mal auf eine Macke ungesch\u00f6nt hinweist; auch auf die Gefahr hin, dass ich erstmal eingeschnappt bin. Der Freund, der mir best\u00e4rkend den R\u00fccken st\u00fctzt und mich aufrichtet, statt mich auszulachen, wenn ich \u00fcber meine Schw\u00e4chen rede. \u00dcberhaupt: reden. Es geh\u00f6rt viel Mut dazu, sich nicht nur innerlich einen Fehler bewusst zu machen, sondern auch noch dar\u00fcber zu reden. Das ist mit Scham verbunden. Daf\u00fcr muss ich jemandem vertrauen k\u00f6nnen. Ob es den Menschen, die zu Johannes kamen, genauso ging? Und wie haben sie ihre S\u00fcnden bekannt? Etwa \u00f6ffentlich? Da bin ich schon froh, dass die Beichte heute ganz privat ist und das Beichtgeheimnis absolut gilt. Auch so ein Ort, wo ich meine Fehler offen ansprechen kann. Oft z\u00f6gere ich lange, wieder zu beichten, und der Weg dahin ist auch nicht sonderlich fr\u00f6hlich. Hinterher f\u00fchle ich mich dann je nach Situation aber mehr oder weniger befreit. Ist aber die Beichte nicht etwas aus der Zeit gefallen? Kann ich das nicht direkt mit meinem Herrgott ausmachen? Ohne Frage wurde die Beichte oft genutzt, um Macht auszu\u00fcben, bis hin zu sexualisierter Gewalt auch dort. Und wahrscheinlich passiert das auch heute noch. Grund genug, um kritisch hinzuschauen. Dennoch bin ich \u00fcberzeugt, dass es so einen Ort braucht, an dem ich meine Fehler ungesch\u00f6nt aussprechen kann und nicht nur mit mir herumtrage. Meine Fehler, aber auch Sorgen und \u00c4ngste, die mich belasten. Denn wenn Johannes uns auffordert, dem Herrn den Weg zu bereiten, dann geht es vor allem darum: zu schauen, was mich gerade daran hindert, weil Anderes in meinem Kopf mehr Platz einnimmt. Menschen berichten in Beichtgespr\u00e4chen immer wieder von Schicksalsschl\u00e4gen, von Zweifel und Verzweiflung, vom Ringen mit Gott. In den wenigen Monaten hat mich das mehr als einmal sehr besch\u00e4ftigt, um nicht zu sagen: zum Heulen gebracht. Deswegen ist mir dieses Bild so wichtig: Gott legt einem in der Beichte die Hand auf die Schulter und sieht die Fehler und Zweifel \u2013 sonst w\u00e4re er nicht gerecht. Aber er sagt eben auch: \u201eKomm, wir fangen wieder von vorne an!\u201c Das ist seine Barmherzigkeit. Wenn wir dem Herrn den Weg bereiten sollen, dann muss der Weg nicht blitzeblank sein, es darf ruhig ein bisschen Staub und Dreck rumliegen. Aber der Weg muss sichtbar sein und er muss begehbar sein. 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