{"id":407,"date":"2023-12-08T16:58:58","date_gmt":"2023-12-08T14:58:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/?p=407"},"modified":"2023-12-28T13:07:36","modified_gmt":"2023-12-28T11:07:36","slug":"was-genau-feiern-wir-da-schon-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/?p=407","title":{"rendered":"Was genau feiern wir da schon wieder?"},"content":{"rendered":"\n<p>W\u00fcrde man eine Liste der kirchlichen Feste mit den schwierigsten Namen erstellen, w\u00e4re das heutige Fest vermutlich ganz oben mit dabei: Hochfest der ohne Erbs\u00fcnde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Gleich drei der vier Mariendogmen in der katholischen Kirche tauchen da im Titel auf: die Jungfr\u00e4ulichkeit Mariens, die Tatsache, dass Maria die Gottesgeb\u00e4rerin ist und eben der Anlass des Festes: dass Maria von der Erbs\u00fcnde befreit ist. Puh!<\/p>\n\n\n\n<p>Wohlgemerkt feiern wir nicht die Empf\u00e4ngnis \u2013 oder moderner gesagt: die Zeugung \u2013 Jesu in Maria. Auch wenn das Evangelium dies nahelegt, w\u00e4re das 17 Tage vor Weihnachten ja auch absurd. Vielmehr feiern wir die Zeugung Marias durch ihre Eltern, die in der Tradition als Anna und Joachim bezeichnet werden. Bei dieser ganz nat\u00fcrlichen Zeugung ist \u2013 so die katholische \u00dcberzeugung \u2013 die Erbs\u00fcnde nicht auf Maria \u00fcbergegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die biblische Grundlage f\u00fcr eben diese Erbs\u00fcnde haben wir in der ersten Lesung geh\u00f6rt: der S\u00fcndenfall im Paradies. Jetzt wissen wir heute nat\u00fcrlich durch die Biologie und die Evolutionstheorie, dass es nicht das eine Menschenpaar gegeben hat, von dem wir alle abstammen. Folglich gibt es auch keine Erbfolge, die direkt auf diese Geschichte zur\u00fcckgeht und damit auch keine vererbte S\u00fcnde im w\u00f6rtlichen Sinn, wie sie Augustinus noch angenommen hat. Vielmehr versucht diese Geschichte eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr zu finden, \u201ewieso die konkrete Lebenswirklichkeit, in der wir Menschen uns vorfinden, so sehr im Kontrast dazu steht, wie der Garten Eden\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> zuvor beschrieben worden war. Was ist der Grund f\u00fcr Kriege, Ungleichbehandlung von Mann und Frau, Krankheit und Elend? Darauf versucht die Erz\u00e4hlung eine Erkl\u00e4rung zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber ist diese Erbs\u00fcnde genau? Vielleicht spricht man statt Erbs\u00fcnde besser von Urs\u00fcnde oder Grunds\u00fcnde. Das legt auch der lateinische Begriff <em>peccatum originale<\/em> nahe. F\u00fcr mich ist es eine Grundskepsis gegen\u00fcber der Liebe Gottes zu seiner Sch\u00f6pfung, ein grunds\u00e4tzlicher Zweifel, dass Gott es gut mit uns meint, die Angst, dass Gott uns etwas vorenthalten m\u00f6chte. Oder wie der Theologe Peter Knauer es ausdr\u00fcckt, eine \u201efortw\u00e4hrende Angst um sich selbst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser Urs\u00fcnde sind wir durch die Taufe befreit. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Zweifel und diese Angst nicht immer wieder hochkommen w\u00fcrden. Jedenfalls kann ich das von mir nicht behaupten. Dennoch haben wir grunds\u00e4tzlich die M\u00f6glichkeit, frei von dieser Angst zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist es aber jetzt mit Maria? Gott hat Maria als Mutter seines Sohnes auserw\u00e4hlt und ihr daher die Gnade geschenkt, auch ohne die Taufe frei von dieser Grundangst zu sein. Sie ist aber in allem ein ganz normaler Mensch wie wir. Die Angst um sich selbst h\u00e4tte also immer wieder hochkommen k\u00f6nnen. Es ist der Gnade Gottes und dem freien Willen Mariens zu verdanken, dass es nicht so kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr ist das Evangelium ein gutes Beispiel. Wie m\u00fcssen wir uns die Szene vorstellen. Da sitzt ein junges M\u00e4dchen, gerade in der Pubert\u00e4t, und erh\u00e4lt Besuch von einem Engel. Nat\u00fcrlich erschreckt sie, wie sollte es auch anders sein. Und dann sagt der ihr auch noch, dass sie schwanger werden soll. Angst k\u00f6nnte sich jetzt breitmachen, Todesangst sogar: ein uneheliches Kind, obwohl sie verlobt ist, w\u00e4re ein Grund zur Steinigung. Maria ist nicht naiv und fragt daher selbstbewusst zur\u00fcck, wie das gehen soll. Als der Engel ihr das dann erl\u00e4utert, ist jeder Zweifel und jede Angst weg: \u201eEinverstanden!\u201c, sagt sie in aller Freiheit und macht so den Weg frei f\u00fcr die Erl\u00f6sung der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria ist ein Vorbild: nicht in ihrer Keuschheit, nicht in ihrer Demut. Das darf alles sein. Aber ein Vorbild ist sie f\u00fcr mich wegen ihrer Entschiedenheit. Ein Vorbild ist sie, weil sie mutig \u201eJa\u201c sagt. Ein Vorbild kann sie f\u00fcr uns sein, wenn wir genau wie sie keine Angst haben, dass Gott uns im Leben etwas vorenthalten m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Gen 3,\u00a09\u201315.20 | Eph 1,\u00a03\u20136.11\u201312 | Lk 1,\u00a026\u201338<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Martin Lintner, <em>Christliche Beziehungsethik. Historische Entwicklungen, biblische Grundlagen, gegenw\u00e4rtige Perspektiven<\/em>, Freiburg 2023, S. 263.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00fcrde man eine Liste der kirchlichen Feste mit den schwierigsten Namen erstellen, w\u00e4re das heutige Fest vermutlich ganz oben mit dabei: Hochfest der ohne Erbs\u00fcnde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Gleich drei der vier Mariendogmen in der katholischen Kirche tauchen da im Titel auf: die Jungfr\u00e4ulichkeit Mariens, die Tatsache, dass Maria die Gottesgeb\u00e4rerin ist und eben der Anlass des Festes: dass Maria von der Erbs\u00fcnde befreit ist. Puh! Wohlgemerkt feiern wir nicht die Empf\u00e4ngnis \u2013 oder moderner gesagt: die Zeugung \u2013 Jesu in Maria. Auch wenn das Evangelium dies nahelegt, w\u00e4re das 17 Tage vor Weihnachten ja auch absurd. Vielmehr feiern wir die Zeugung Marias durch ihre Eltern, die in der Tradition als Anna und Joachim bezeichnet werden. Bei dieser ganz nat\u00fcrlichen Zeugung ist \u2013 so die katholische \u00dcberzeugung \u2013 die Erbs\u00fcnde nicht auf Maria \u00fcbergegangen. Die biblische Grundlage f\u00fcr eben diese Erbs\u00fcnde haben wir in der ersten Lesung geh\u00f6rt: der S\u00fcndenfall im Paradies. Jetzt wissen wir heute nat\u00fcrlich durch die Biologie und die Evolutionstheorie, dass es nicht das eine Menschenpaar gegeben hat, von dem wir alle abstammen. Folglich gibt es auch keine Erbfolge, die direkt auf diese Geschichte zur\u00fcckgeht und damit auch keine vererbte S\u00fcnde im w\u00f6rtlichen Sinn, wie sie Augustinus noch angenommen hat. Vielmehr versucht diese Geschichte eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr zu finden, \u201ewieso die konkrete Lebenswirklichkeit, in der wir Menschen uns vorfinden, so sehr im Kontrast dazu steht, wie der Garten Eden\u201c[1] zuvor beschrieben worden war. Was ist der Grund f\u00fcr Kriege, Ungleichbehandlung von Mann und Frau, Krankheit und Elend? Darauf versucht die Erz\u00e4hlung eine Erkl\u00e4rung zu finden. Was aber ist diese Erbs\u00fcnde genau? Vielleicht spricht man statt Erbs\u00fcnde besser von Urs\u00fcnde oder Grunds\u00fcnde. Das legt auch der lateinische Begriff peccatum originale nahe. F\u00fcr mich ist es eine Grundskepsis gegen\u00fcber der Liebe Gottes zu seiner Sch\u00f6pfung, ein grunds\u00e4tzlicher Zweifel, dass Gott es gut mit uns meint, die Angst, dass Gott uns etwas vorenthalten m\u00f6chte. Oder wie der Theologe Peter Knauer es ausdr\u00fcckt, eine \u201efortw\u00e4hrende Angst um sich selbst\u201c. Von dieser Urs\u00fcnde sind wir durch die Taufe befreit. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Zweifel und diese Angst nicht immer wieder hochkommen w\u00fcrden. Jedenfalls kann ich das von mir nicht behaupten. Dennoch haben wir grunds\u00e4tzlich die M\u00f6glichkeit, frei von dieser Angst zu leben. Wie ist es aber jetzt mit Maria? Gott hat Maria als Mutter seines Sohnes auserw\u00e4hlt und ihr daher die Gnade geschenkt, auch ohne die Taufe frei von dieser Grundangst zu sein. Sie ist aber in allem ein ganz normaler Mensch wie wir. Die Angst um sich selbst h\u00e4tte also immer wieder hochkommen k\u00f6nnen. Es ist der Gnade Gottes und dem freien Willen Mariens zu verdanken, dass es nicht so kam. Daf\u00fcr ist das Evangelium ein gutes Beispiel. Wie m\u00fcssen wir uns die Szene vorstellen. Da sitzt ein junges M\u00e4dchen, gerade in der Pubert\u00e4t, und erh\u00e4lt Besuch von einem Engel. Nat\u00fcrlich erschreckt sie, wie sollte es auch anders sein. Und dann sagt der ihr auch noch, dass sie schwanger werden soll. Angst k\u00f6nnte sich jetzt breitmachen, Todesangst sogar: ein uneheliches Kind, obwohl sie verlobt ist, w\u00e4re ein Grund zur Steinigung. Maria ist nicht naiv und fragt daher selbstbewusst zur\u00fcck, wie das gehen soll. Als der Engel ihr das dann erl\u00e4utert, ist jeder Zweifel und jede Angst weg: \u201eEinverstanden!\u201c, sagt sie in aller Freiheit und macht so den Weg frei f\u00fcr die Erl\u00f6sung der Welt. Maria ist ein Vorbild: nicht in ihrer Keuschheit, nicht in ihrer Demut. Das darf alles sein. Aber ein Vorbild ist sie f\u00fcr mich wegen ihrer Entschiedenheit. Ein Vorbild ist sie, weil sie mutig \u201eJa\u201c sagt. Ein Vorbild kann sie f\u00fcr uns sein, wenn wir genau wie sie keine Angst haben, dass Gott uns im Leben etwas vorenthalten m\u00f6chte. Gen 3,\u00a09\u201315.20 | Eph 1,\u00a03\u20136.11\u201312 | Lk 1,\u00a026\u201338 [1] Martin Lintner, Christliche Beziehungsethik. Historische Entwicklungen, biblische Grundlagen, gegenw\u00e4rtige Perspektiven, Freiburg 2023, S. 263.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":409,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,3],"tags":[],"class_list":["post-407","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-predigt","category-religion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=407"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":412,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/407\/revisions\/412"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/409"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=407"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}