{"id":389,"date":"2022-09-25T10:00:00","date_gmt":"2022-09-25T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/?p=389"},"modified":"2022-09-25T09:41:41","modified_gmt":"2022-09-25T07:41:41","slug":"sich-einen-namen-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andrs-glauben.de\/?p=389","title":{"rendered":"Sich einen Namen machen"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor zwei Wochen hat mich abends in Aachen ein obdachloser Mann angesprochen. Ich war schon an ihm vorbei gegangen, als ich mich noch einmal umgedreht habe, weil er wirklich verzweifelt wirkte. Er erz\u00e4hlte mir dann, dass ihm das Geld fehle, einen Personalausweis zu beantragen. Und ohne den k\u00f6nne er sich keine Wohnung suchen. Schnell ist mir bewusst geworden, dass ich mich noch nie mit dieser Frage besch\u00e4ftigt hatte, und spontan fielen mir auch keine anderen Vorschl\u00e4ge ein, als ihm Hilfseinrichtungen zu nennen, die mit ihm das Problem angehen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr oder weniger ergebnislos verabschiedete ich mich von ihm, gab ihm etwas unbeholfen ein bisschen Geld und ein paar gute Worte mit auf den Weg. Insgesamt f\u00fchlte ich mich damit nicht besonders wohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Begegnung hat mich danach weiter besch\u00e4ftigt. Mir ist bewusst geworden: ohne dieses Dokument ist der Mann f\u00fcr Beh\u00f6rden ein Unbekannter \u2013 ein Namenloser f\u00fcr die Gesellschaft und f\u00fcr uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob der reiche Mann aus dem heutigen Evangelium wusste, dass der Mann vor seiner Haust\u00fcr Lazarus hei\u00dft? Jedenfalls muss er ihm regelm\u00e4\u00dfig begegnet sein auf seinem Weg in die Stadt. Ich stelle mir vor, dass er auch schon einmal \u00fcber ihn dr\u00fcbersteigen musste, wenn er vor seiner Eingangst\u00fcr lag. Ansonsten hat er ihn aber offenbar ignoriert. So h\u00f6ren wir es in der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gott hingegen hat ihn nicht ignoriert. Er hat diesen armen, von Geschw\u00fcren \u00fcbers\u00e4ten Mann wahrgenommen und ihm einen <strong>Namen<\/strong> gegeben. Ein Name macht einen Menschen erst zu einer Person, zu einem Individuum. Menschen werden durch ihren Namen ansprechbar, sie werden einzigartig. Nicht umsonst machen sich Eltern bei der Namenswahl ihrer Kinder eine ganze Menge Gedanken. Und der Namenstag spielt bei uns Katholik:innen \u2013 wenn auch weniger als fr\u00fcher \u2013 eine Rolle, weil wir damit ganz konkret einen Heiligen mit demselben Namen als Vorbild f\u00fcr unser Handeln in Verbindung bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alten Testament spielen Namen auch eine wichtige Rolle. Angefangen bei den Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlungen, wo jedem Gesch\u00f6pf ein Name gegeben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Buch Jesaja verspricht Gott allen, die zu ihm kommen, ein Denkmal zu setzen und ihnen <strong>einen Namen zu geben<\/strong>. <em>Denkmal<\/em> <em>und<\/em> <em>Name<\/em> hei\u00dft im Hebr\u00e4ischen Jad Wa-Schem. Genauso ist die Gedenkst\u00e4tte zur Schoa, zum Holocaust, benannt: Mit menschlicher Hilfe gibt Gott dort denen einen Namen, die Nationalsozialisten aus der Geschichte austilgen wollten. Jad Wa-Schem macht deutlich: Gott vergisst euch nicht \u2013 ganz im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaut man in das heutige Evangelium, f\u00e4llt auf: Nur der arme Lazarus hat einen Namen, der Reiche bleibt namenlos. All die vielen Feste, die er gefeiert hat, all die Freund:innen, die er im Leben um sich geschart hat, haben nicht dazu gef\u00fchrt, dass er sich einen Namen machen konnte. Er muss in die Unterwelt hinab, weit entfernt von Gott. Lazarus hingegen <em>hat<\/em> sich bei Gott einen Namen gemacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Der Gott, wie ihn die Heilige Schrift versteht, ist ein parteiischer Gott. Er steht auf der Seite der Leidenden, ist schwach mit den Schwachen.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Damit ist zwar nicht gemeint, dass Armut per se erstrebenswert ist, es macht aber deutlich: Gott steht grunds\u00e4tzlich auf der Seite der Schwachen. Der Gott, wie ihn die Heilige Schrift versteht, ist ein parteiischer Gott. Er steht auf der Seite der Leidenden, ist schwach mit den Schwachen. Das wird auch und gerade in Jesus Christus deutlich, der f\u00fcr uns arm geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Reiche? Er verliert den Reichtum nicht deswegen, <em>weil<\/em> er reich ist, sondern weil er diesem Reichtum alles unterordnet: seinen Lebenswandel, seine Beziehung zu anderen Menschen und sein Verh\u00e4ltnis zu Gott. Ihn interessiert nicht das Schicksal der anderen Menschen, deswegen ist Gott f\u00fcr ihn nach seinem Tod in unerreichbare Ferne ger\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Darin wird deutlich: Unser Verhalten <em>hat<\/em> Auswirkungen auf die Zukunft. Es ist nicht bedeutungslos, wie wir handeln. Und der Reiche h\u00e4tte es wissen k\u00f6nnen, wenn er, wie vorgeschlagen, auf Mose und die Propheten geh\u00f6rt h\u00e4tte. Also etwa auf den Propheten Amos, den wir in der ersten Lesung geh\u00f6rt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Amos ist einer der \u00e4ltesten \u00fcberlieferten Propheten Israels und bekannt f\u00fcr seine Kritik an der Oberschicht. Er hat seine Mitmenschen davor gewarnt, so weiterzuleben wie bisher: Wenn ihr weiterhin so prasst, in Betten aus Elfenbein liegt, wenn ihr immer nur Party macht, wenn ihr Wein aus Opferschalen trinkt, dann m\u00fcsst ihr bald in die Verbannung ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Warnung ist Amos jedoch auf taube Ohren gesto\u00dfen. Und das war verheerend f\u00fcr seine Landsleute: Im Jahr 732 v.&nbsp;Chr. eroberte das Assyrische Reich den Nordteil Israels, das von da an keine Rolle mehr in der Geschichte spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Propheten-Worte sollten eigentlich Warnung genug f\u00fcr den Reichen sein. Und dennoch folgt auch er nicht den Warnungen und verliert seinen Reichtum mitsamt seinem Namen, w\u00e4hrend Lazarus sich mit seinem Schicksal einen Namen macht. Das kann auch uns vor die Frage stellen: Womit will ich einmal in Verbindung gebracht werden? Welche Talente kann ich einbringen? Welche Warnungen m\u00fcsste ich wahrnehmen? Womit m\u00f6chte ich mir einen Namen machen \u2013 bei den Menschen und bei Gott?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Wochen hat mich abends in Aachen ein obdachloser Mann angesprochen. 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